BLAKE CROUCH: „DARK MATTER“


Klingt das etwa nach einem unglaublich spannenden Thriller: Supraleitende Quantenbits verschaltet mit einer Reihe von Resonatoren, die simultane Zustände als Vibrationen wahrnehmen. Dazu ein Stahlwürfel, so geschaffen, dass alltägliche Objekte im Zustand der Quantensuperposition existieren können?!
Es ist sogar das Herzstück von „Dark Matter. Der Zeitenläufer“ von US-Erfolgsautor Blake Crouch. Allerdings baut er den Roman so geschickt um eigentlich sperrige Quantenphysik bis hin zur String-Theorie und zum Multiversum, dass man einfach mitgerissen wird auf einer wahren Achterbahn der Ereignisse und Wirrungen. Im Mittelpunkt steht dabei Dr. Jason Dessen, 42, Professor für Atomphysik an einem unbedeutenden College in seiner Heimatstadt Chicago.
Er galt in ganz jungen Jahren als große Wissenschaftshoffnung, doch er wählte das Privatleben mit der schönen früheren Künstlerin Daniela. Zusammen mit dem 15-jährigen Sohn Charlie genießen sie ein kleines bürgerliches Glück. Das an einem gewöhnlichen Abend völlig aus den Fugen gerät. Jason soll fürs Abendessen noch schnell Eiscreme besorgen, macht einen kleinen Umweg und befindet sich plötzlich in der Gewalt eines maskierten Entführers.
Niedergeschlagen und unter Drogen gesetzt, wacht er schließlich in einem hochmodernen unterirdischen Labor auf, wo man ihn wie einen verlorenen Sohn begrüßt. Der geniale Professor habe es als erster geschafft, aus dem von ihm entwickelten Stahlwürfel in das Multiversum zu gelangen und zurückzukehren. Das legendäre mathematische Rätsel von Schrödingers Katze – die ebenso lebendig wie tot ist, je nachdem – Jason hat es gelöst. Und weiß doch von nichts.
Es gelingt ihm dann sogar zu fliehen, aber es ist eine zutiefst verwirrende Flucht in eine andere Gegenwart. In der sein Haus anders eingerichtet ist und viel erschütternder: er war nie verheiratet, es gibt keinen Sohn. Als er Daniela tatsächlich ausfindig macht, erweist sie sich als erfolgreiche Künstlerin und ihre Beziehung endete vor 15 Jahren, als er sich für den wissenschaftlichen Höhenflug entschied. Wer aber ist der Jason, der sie nicht nur intensiv liebt sondern auch ein zufriedenes Familienleben mit ihr führt? Und – wird er womöglich zu seinem eigenen Doppelgänger?!
Wahrhaftig reißt das rasante Geschehen mit irrsinnigen Volten mit, als Jason von „seinem“ Team in den Velocity Laboratories wieder eingefangen wird. Die nächste Flucht nämlich beginnt er mit der Kollegin Amanda, der Psychologin der extrem geheimen Entwicklungsinstitution, die in ihrem rücksichtslosen streben notfalls sogar über Leichen geht.
Dieser Ausbruch aber führt in einen wahren Alptraum, denn die Beiden entern den Stahlwürfel und geraten in eine Odyssee durch ebenso futuristische wie reale Paralleluniversen. Immer ist es Gegenwart und immer in oder bei Chicago und manche Ausstiegsversuche führen in geradezu apokalyptische Gegenwarten. Am erschreckendsten sind jedoch die Gegenwarten, die ganz nah an der „echten“ sind und eben doch nicht ganz übereinstimmen.
Und in der Logik all der Absurditäten stößt Jason nicht nur auf grausige Weise erneut auf Daniela, es kommt sogar zur Konfrontation mit Jason2! Mehr aber sei von diesem Techno-Thriller nicht verraten, der nicht nur anspruchsvoll ist, sondern auch nachhallende Fragen nach den Möglichkeiten eines alternativen, eines anderen als des tatsächlichen Lebens aufwirft.
Einschließlich einer bewegenden Liebesgeschichte bietet dieser Roman eine grandiose Melange hochklassiger Spannungsliteratur und es bleibt dem atemlosen Leser zum Schluss nur noch ein Wunsch: der nach einer angemessenen Verfilmung dieses Stoffes.

# Blake Crouch: Dark Matter – der Zeitenläufer (aus dem Amerikanischen von Klaus Berr); 416 Seiten, Klappenbroschur; Goldmann Verlag, München; € 16

 
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

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