BEN RAWLENCE: „STADT DER VERLORENEN“


Als das Flüchtlingslager Dadaab an der Grenze Kenias zu Somalia 1992 errichtet wurde, galt es vielen hierher vor der allgegenwärtigen Gewalt und Anarchie im zerfallenden Staat am Horn von Afrika Geflohenen als „ein Paradies der Möglichkeiten“: Schutz, Gesundheitsversorgung, Schulbildung und die Aussicht auf eine Emigration in die USA.
Die Realität entwickelte sich radikal anders, denn wer einmal in Dadaab steckt, steckt hier fast unweigerlich auf Dauer fest. Die Wirklichkeit, die über Jahre entstanden ist, schildert Ben Rawlence in seinem Buch „Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt“. Über mehrere Jahre hat der Autor, der einst in Chicago unter anderem auch bei Barack Obama studierte, das Lager immer wieder besucht.
Zum Einstieg allerdings berichtet er von seinem Vortrag im Weißen Haus, wo er 2014 dem Nationalen Sicherheitsrat der USA erklären sollte, was Dadaab, dieser längst zu einem chaotischen Moloch von etwa 500.000 oder mehr Gestrandeten gewordene Wüstenort, ist. Doch die Politiker haben ihre festgefügten Vorstellungen von einem solchen vorübergehenden Durchgangslager, dessen Bewohner zudem überwiegend Muslime sind, inzwischen also generell verdächtige Individuen. Rawlence betont anhand seiner Erfahrungen zwar: „Armut führt nicht zwangsläufig zu Extremismus“.
Gleichwohl unterbleiben weitere Fragen, sein Vortrag wird zur Kenntnis genommen und die Sitzung frühzeitig beendet. Was die Politik nicht nur im Westen lieber nicht sehen will, beschreibt Rawlence ungeschönt aber auch ohne moralischen Zeigefinger. Vor allem an neun Einzelschicksalen, wie das der 21-jährigen Sarah: „Meine Mutter kam als Flüchtling hierher, und dann wurde ich geboren. Ich bin das Kind und die Mutter eines Flüchtlings und selbst ein Flüchtling.“
Die Gegenwart des Lagers mit den Ausmaßen einer mittleren Großstadt war von Beginn an improvisiert und ziemlich anarchisch mit sehr eigenen ungeschriebenen Gesetzen, mit korrupten Ordnungskräften und skrupellosen Kriminellen. Geld gibt es offiziell nicht im Lager, dennoch geht ohne gar nichts. Es herrscht ein irreales und doch irgendwie durchorganisiertes System von stadtähnlichen Strukturen.
Die Flüchtlinge, überwiegend Somalier, dürfen Dadaab nicht verlassen und vielen kennen gar nichts anderes als dieses Lager. Zugleich leben sie in der ständigen Furcht, irgendwann von einem Tag zum anderen irgendwohin abgeschoben zu werden. Als wären Hunger, Epidemien, Überschwemmungen oder Dürre in sengender Hitze und Staub nicht schon genug Drangsal genug, sind längst auch Gefahren wie Polizeiübergriffe, Bandenvergewaltigungen und terroristische Anschläge allgegenwärtig.
So wie das Lager ständig weiter wucherte, verschlechterte sich die Lage immer mehr. 2012 wurden zwei Spanierinnen vom Hilfswerk „Ärzte ohne Grenzen“ in Lagernähe entführt. Innerhalb von Stunden stellten sämtliche Hilfsorganisationen ihre Aktivitäten ein und zogen fast sämtliches Personal ab. Zugleich verschärften sich die Feindseligkeiten zwischen kenianischen Truppen und somalischen Aufständischen immer weiter, während just in dieser Zeit die Vereinten Nationen ihre Hilfsmittel erheblich zurückfuhren – nicht zuletzt übrigens wegen eben jener Syrien-Krise, deren Millionen Flüchtlinge inzwischen auch Europa vor eine Zerreißprobe stellen.
Im September 2013 sorgte die terroristische al-Shabaab-Miliz aus dem somalischen Bürgerkrieg mit ihrem blutigen Überfall auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi für massive Hassreaktionen Kenias gegen alle ethnischen Somalis. Wie all dies bei vielen der leidgeprüften Lagerinsassen die sogenannte „buufis“ hervorruft, eine Art depressives Fernweh, beschreibt Ben Rawlence dazu ebenso schonungslos und bewegend wie die Tatsache, dass Dadaab trotz allen Elends für die Schwachen einer ganzen Region ein wesentlicher Bestandteil ihrer Überlebensstrategie ist.
Das Buch endet schließlich einfach, ohne eine Lösung aufzuzeigen. Wie auch? Es ist bitter, es tut weh und macht wütend. Und es steht exemplarisch für viele Flüchtlingslager und ist schon deshalb so ungeheuer wichtig und wertvoll.

# Ben Rawlence: Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt (aus dem Englischen von Bettina Münche und Kathrin Razum); 416 Seiten; Nagel & Kimche Verlag, Zürich; € 24,90

 
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

Dieses Buch bei Amazon.de bestellen.


Kennziffer: SB 368 - © Wolfgang A. Niemann - www.Buchrezensionen-Online.de