ERIK LARSON: „TIERGARTEN – IN THE GARDEN OF BEASTS“


Einen ungewöhnlichen Blick auf die Frühzeit der Nazi-Diktatur gewähren die Erinnerungen von William E. Dodd (1869-1940) und seiner Tochter Martha. Der bescheidene Geschichtsprofessor aus Chicago wurde als US-Botschafter nach Berlin entsandt und von seiner Familie begleitet. Dodd hatte Deutschland während seines Studiums in Leipzig kennen und lieben gelernt.
Der Journalist Erik Larson hat die ausführlichen Aufzeichnungen ausgewertet und daraus eine Art erzählendes Sachbuch gemacht mit dem Titel „Tiergarten – In the Garden of Beasts. Ein amerikanischer Botschafter in Nazi-Deutschland“. Eingangs macht der Erfolgsautor deutlich, dass Dodd keineswegs erste Wahl für den Posten war, als ihn der neue Präsident Franklin D. Roosevelt berief. In Berlin war soeben Adolf Hitler Reichskanzler geworden und die Nationalsozialisten krempelten das Land ebenso selbstherrlich wie brutal um.
Dennoch kam Dodd im Juli 1933 mit verhaltenem Optimismus und die attraktive Tochter mit ihren 24 Jahren und einer gescheiterten Ehe in der Trennungsphase war sogar begeistert von den „ansehnlichen deutschen Burschen“. Sie genoss das rege Berliner Party-Leben und bändelte mit Nazi-Größen an. Doch das Dritte Reich schwebte in seiner Anfangszeit in einer Phase der Unsicherheit. Das Machtgefüge schwankte, während sich andererseits SA-Horden mit Schlägertrupps und in Folterkellern austobten. Hier musste Dodd immer wieder Proteste einlegen, denn auch amerikanische Bürger wurden Opfer massiver Misshandlungen, wenn sie es versäumten, den „deutschen Gruß“ zu erwidern.
Doch auch Marthas anfängliche blinde Bejahung des Hitler-Regimes schlug spätestens im heißen Sommer 1934 in tiefe Ablehnung um. Zum Einen musste sie erkennen, „dass die Judenverfolgung zu einem nationalen Zeitvertreib geworden war“. Die ganze Brutalität und Skrupellosigkeit aber wurde Vater und Tochter in erschreckender Weise durch die Operation „Kolibri“ - auch als Röhm-Putsch oder „Nacht der langen Messer“ bezeichnet – vom 30. Juni/1. Juli bewusst. Und das Voilk jubelte dem eiskalten Vollstrecker Hitler für diese entschiedene Säuberung von den ungehobelten Braunhemden sogar zu.
Dodd aber notierte dazu: „Grauen befällt mich, wenn ich den Mann sehe.“ Und Dodd wurde nach seiner Rückkehr in die USA nach gut vier Jahren ein unermüdlicher Mahner und Warner vor dem heraufziehenden Unheil in Europa, von dem auch die meisten Politiker seines Landes ahnungslos waren. Tochter Martha wandte sich sogar dem Gegenpol der Nazis zu und wurde zur Verehrerin der Kommunisten, Affäre mit einem solchen inklusive.
Larson hat aus den Fakten kein historisches Sachbuch im klassischen Sinne geschaffen, vielmehr konzentriert er sich auf die Erlebnisse, Empfindungen und Meinungen der Personen. Was passiert und wie es sich auswirkt, erfahren wir aus der der zeitnahen Niederschrift der Zeitzeugen. Weitere Authentizität verschafft das exzellent dargestellte Zeit- und Lokalkolorit bis hin zum herrschenden Wetter. Zugleich gibt es Einblicke in die Machtstrukturen und die Machtkämpfe innerhalb der Nazi-Führung, die gerade durch die Perspektive ausländischer Zeugenschaft faszinieren.
Fazit: unterhaltsame und spannende Geschichtsschilderung aus authentischer Quelle, die sich liest wie ein hervorragend erfundener Roman.

# Erik Larson: Tiergarten – In the Garden of Beasts. Ein amerikanischer Botschafter in Nazi-Deutschland (aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence); 512 Seiten; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; € 24,99


WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

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