JOACHIM CAMPE: "VERDI. EINE BIOGRAPHIE"

Als Guiseppe Verdi am 27. Januar 1901 starb, säumten 200.000 Menschen seinen Leichenzug und ein Chor von über 800 Sängern intonierte seinen berühmten Gefangenenchor "Va Pensiero". Mit ihm ging einer der größten und populärsten Opernkomponisten aller Zeiten. Am 10. Oktober dieses Jahres jährt sich nun der Geburtstag des großen Italieners zum 200. Mal.

In "Verdi. Eine Biographie" versucht Joachim Campe, das Leben des eingeschworenen Einzelgängers nachzuzeichnen. Kein leichtes Unterfangen, denn Verdi verbarg sein Privatleben wie auch seine Persönlichkeit und seine Ansichten nach Kräften vor der Öffentlichkeit und selbst schriftliche Hinterlassenschaften sind rar und geben nur recht karge Einblicke in Verdis Innenleben. So musste vieles über seine Musik und durch Belege von Zeitzeugen erarbeitet werden.

Zugleich gehört zu den Qualitäten dieser Künstlerbiographie die Vorsicht im Umgang mit vorgegebenen Deutungen oder mit eigenen Interpretationen seitens des Autors angesichts der vielfach recht vagen Faktenlage. Doch Campe räumt gleich zu Beginn auf mit der Legende vom Kind aus ärmlichen Verhältnissen, denn als Verdi im Dorf Roncole in der Region Parma geboren wurde, führte der Vater als eine Art bäuerlicher Patriarch ein Wirtshaus. Und er war so an einer guten Ausbildung des Sohnes interessiert, dass er ihn zum Gymnasium schickte.

Wenn es dennoch zu einer lebenslangen Verstimmung zwischen den Beiden kam, dann weil der Vater kein Verständnis für das musikalische Talent hatte und erst spät wenigstens einen Unterricht gestattete. Um so wichtiger war am Gymnasialort der väterliche Freund Barezzi, der Verdis Bestreben unterstützte, als dieser im damals noch wenig mondänen Mailand studieren wollte.

Auf faszinierende Weise zeichnet der Biograph Werdegang und Aufstieg des genialen Musikers vor dem Hintergrund der bewegten politischen Ereignisse im zersplitterten Italien jener Zeit auf. Wie in vielen Teilen Europas gab es auch hier Revolutionen und Gegenrevolutionen und immer wieder waren die Texte der Verdi-Opern in diesen Zeiten auch von politischen Gedanken durchzogen. Verdi hatte schon früh auch das Glück des Tüchtigen, denn an der Mailänder Scala regierte mit dem Impresario Berelli ein experimentierfreudiger Tycoon und der verschaffte dem jungen Komponisten bereits 1838/39 mit der Oper "Oberto" einen Erfolg an der Scala.

Genau in diese Zeit fiel jedoch auch die erste große Lebenskrise Verdis, denn innerhalb von kaum zwei Jahren verlor er Ehefrau und beide Kinder durch Krankheit. Am 9. März 1842 aber folgte einer der Höhepunkte seines Lebens mit der triumphalen Premiere seines "Nabucco". Die Rolle der rachsüchtigen Abigaille hatte er der berühmten jungen Giuseppina Strepponi auf den Leib geschrieben. Sie war bereits eine "Frau mit Vergangenheit", dennoch wurden sie und Verdi ein Jahr später ein Paar, das viel später auch noch heiratete.

Die Strepponi nannte Verdi "mago", einen Magier, und als der erwies sich dieser mit einer endlosen Reihe großartiger und teils noch heute populärer Opern von "La Traviata" über "Rigoletto" bis zum erneut triumphalen Geniestreich der "Aida" zur Eröffnung des Suez-Kanals. Campe verdeutlicht aber auch immer wieder, welch ein großer Theaterpraktiker Verdi zeitlebens war. Zugleich skizziert er mit schnellen Strichen anschaulich wichtige Werke und ihre oft spannende Einbettung in die jeweilige politische Ära.

Verdi war begeistert von den Revolutionen 1848 und dann um so erbitterter über die Gegenrevolution unter der Knute der Habsburger. Immerhin ging sein politisches Engagement so weit, dass er nicht nur viel zum Entstehen eines Nationalbewusstseins beitrug, als es 1861 endlich zum "Risorgimento", der Wiedervereinigung Italien kam - der längst weltberühmte Komponist zog sogar für vier Jahre ins Parlament ein.

Doch auch privat und als Komponist blieb sein Leben bewegt. Während er den gleichaltrigen Richard Wagner zwar als Nebenbuhler sah, ihn jedoch allenfalls um sein Talent zu eigenhändig verfassten Libretti beneidete, gelangen ihm selbst erst im Alter Opern nach seinem literarischen Idol Shakespeare (neben Victor Hugo) und hier schließlich sogar komödienhafte wie der Riesenerfolg des "Falstaff". Und erst in dieser Zeit genießt der Maestro endlich auch nach den Jahrzehnten bewusster Isolation die Geselligkeit.

Joachim Campe hat ein stimmiges Bild des Genies gezeichnet, aber auch viel Theaterphilosophie sowie manche Entwicklungen der Oper eingebracht, die ähnlich revolutionär waren wie die parallel laufenden politischen. Abgerundet wird diese hervorragende und höchst unterhaltsam geschriebene Biographie durch eine CD mit 16 Höhepunkten aus Verdis Werken.

 

# Joachim Campe: Verdi. Eine Biographie; 258 Seiten, div. Abb., 1 CD; Primus Verlag, Darmstadt; € 29,90

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

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