BARBARA VINE: „DAS GEBURTSTAGSGESCHENK"

Ruth Rendell ist eine der erfolgreichsten englischen Krimiautorinnen, unter dem Pseudonym Barbara Vine aber verfasst sie Psychogeschichten der feinen eher unblutigen Art. Dennoch überrascht ihr neuer Roman „Das Geburtstagsgeschenk", denn erstmals spielt er stark ins konkret Politische.

Es geht um den auftrebenden Parlamentarier Ivor Tesham, der es unter Premierminister John Major mit 33 bereits zum Staatsminister gebracht hat. Wenn die Autorin diesem ebenso attraktiven wie unverbesserlichen Frauenhelden eine heimliche Affäre anhängt, die ihn die gesamte Karriere kostet, so lässt es zumindest schmunzeln zu wissen, dass sie selbst seit 1997 für die Labour Partei im britischen Oberhaus sitzt und die Sitten wie Unsitten der Parlamentarier recht gut kennt.

Ivor Tesham ist ganz wild auf die hinreißende Hebe, zumal sie so hervorragend zu seinen Sadomaso-Veranlagungen passt. Dass sie mit einem braven Mittelständler verheiratet ist und einen zweijährigen Sohn hat, stört ihn nicht. Für Hebe ist beides nur lästig, weil sie deshalb immer Alibis für ihre heißen Stunden mit Ivor benötigt. Die lässt sie sich von der blaustrümpfigen Jane geben, die als Bibliothekarin ein tristes Leben fristet. Zugleich fungiert Jane über ihr Tagebuch aber als einer der beiden Berichterstatter des Geschehens. Doch während Ivors Schwager Robert als der zweite Erzähler mangels eigener Fantasie nüchtern wenngleich auch ziemlich verständnislos die Ereignisse aus seiner Sicht schildert, tut Jane dies mit deutlicher Eifersucht und viel Groll über ihr eigenes Schattendasein.

Ivors Schicksal erfüllt sich mit Verspätung, obwohl er selbst in seiner Maßlosigkeit die Lunte anzündet mit einem ausgefallenen Geschenk zum 28. Geburtstag seiner Geliebten. Er arrangiert ihre Entführung auf offener Straße – worauf sie sich begierig und ohne nähere Einzelheiten zu kennen einlässt – und sie soll im Haus seines Schwagers zu einer wilden Orgie zu zweit abgesetzt werden. Robert erlebt Ivors Wut, als sich die Holde endlos verspätet. Dabei erweist sich der Grund als ausgesprochen fatal: der gemietete Fahrer verursacht einen schweren Unfall mit einem Lastwagen. Die gefesselte und geknebelte Hebe und er sterben sofort, der zweite Kumpan liegt mit Hirnverletzungen im Koma.

Dabei hat Ivor das unverschämte Glück, dass Polizei und Medien sich die vermeintliche Entführung dieser Frau ohne vermögenden Hintergrund nur mit einem Umstand erklären können: dass sie mit der ihr sehr ähnlich sehenden Frau eines Prominenten verwechselt wurde. Alles scheint zu passen, wenn da nicht Jane wäre mit dieser ätzenden Wut aufs Leben. Mehr aber soll hier nicht verraten werden von dem ebenso kühl beobachteten wie raffiniert aufgemachten Handlungsgeflecht, das mit eleganter Sprache und subtiler Ironie ein feines Stück Spannungsliteratur kredenzt.

 

# Barbara Vine: Das Geburtstagsgeschenk (aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann); 379 Seiten; Diogenes Verlag, Zürich; € 22,90

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

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