Hannu Raittila "Canal Grande"

"Ich fragte mich, was das für eine Stadt sein sollte, die sogar ihren Schutzheiligen stiehlt." Tja, wie soll einer das immer wieder vom Hochwasser bedrohte Venedig retten, wenn er mit solch einer verständnislosen nordisch protestantischen Haltung ans Werk geht? Und das ist das zentrale Problem der fünfköpfigen Projektgruppe aus Finnland, die im Auftrag der UNESCO und mit besten Vorsätzen in die Lagunenstadt kommt.

"Canal Grande" hat der finnische Erfolgsautor Hannu Raittila diesen Roman genannt, doch selbst den sehen die wackeren Fünf zunächst überhaupt nicht, denn die ersten drei Wochen tapsen sie durch extrem dichten Nebel, der ähnlich zäh ist, wie der genüsslich durch den Kakao gezogene italienische Behördenwahnsinn. Dabei sind der nüchtern verschrobene Ingenieur Marrasjärvi und seine Mitstreiter für sich selbst und untereinander schon skurril genug. Immerhin gibt es nur marginale Sprachprobleme, denn Historiker Heikkilä dolmetscht fast perfekt auf Lateinisch.

Als der Nebel von so gewaltigem Frost abgelöst wird, dass erstmals seit dem 13. Jahrhundert Venedigs Kanäle zufrieren, kommt die hehre Rettungstat zur Bewahrung des europäischen Kulturerbes weiterhin nicht voran. Dafür feiert die nordische Schwermut im mediterran katholischen Leichtsinn fröhliche Urständ des dozierenden Missverstehens und rastet im frivolen Karnevalstreiben endgültig aus. Aber sie retten tatsächlich etwas, nämlich einen Esel. Und der Kunstexperte Saraspää verfolgt mit einigem Erfolg seine speziellen Suizidpläne. Und

Venedig darf natürlich nicht ohne literarische Querverweise wie zum Beispiel auf Hemingway und "Harrys Bar" bleiben und der köstlich schrulligen Geschichte setzt zum Finale die nicht ganz so ehrbare Delegationssekretärin Tuuli noch ein ganz und gar schräges Sahnehäubchen auf.

Ob Venedig zu retten ist? Und wenn, wer will das überhaupt? Das bleibt irgendwie offen in diesem wahrhaft bunten Roman, der hier unprätentiös aber mit leichter Hand und knorrig trockenem Humor so erzählt wird, als hätten sich Kaurismäki und Kishon zu einer verwegenen neuen Variante des "Blaumilchkanals" zusammengetan. So viel intelligenter Unsinn findet sich selten zu derartig niveauvoll hintersinnigem Lesevergnügen zusammen.

 

# Hannu Raittila: Canal Grande (aus dem Finnischen von Stefan Moster); 366 Seiten; Albrecht Knaus Verlag, München; € 19,90

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

Dieses Buch bei Amazon.de bestellen.


Kennziffer: Bel 341 - © Wolfgang A. Niemann - www.Buchrezensionen-Online.de