ELLEN ALPSTEN: "DIE ZARIN"

"Die Zarin", das ist die Geschichte der livländischen Bauerntochter, die als verkaufte Magd dem Zaren Peter dem Großen (1672-1725) so gut gefiel, dass er sie erst zu seiner Geliebten und später sogar zu seiner zweiten Frau machte und sie 1724 eigenhändig zur Zarin krönte. Ellen Alpsten hat das bisher wenig beleuchtete Schicksal dieser Marta/Katharina I. (1684-1727) in ihrem Debüt zu einem Historienroman von epischer Kraft und barocker Sinnlichkeit stilisiert.

Mutig und gekonnt beschreibt sie den Aufstieg der üppigen Schönheit mit dem starken Willen und dem ausgeprägten Verstand als Ich-Erzählerin. Sie setzt einen Rahmen mit dem Sterben des Zaren, den sie als junge Frau bei einem seiner epileptischen Anfälle im Heerlager kennengelernt hat. Der berserkerhafte Hüne, ebenso energisch und genial wie grausam und unmäßig, begehrt sie heftig und begeistert sich auch an ihrer Trinkfestigkeit und ihrer Treue.

Zugleich arbeitet Peter I. mit eisernem Willen und harter Knute daran, das schwerfällige russische Reich in die moderne Zeit zu bringen. Wenn jedoch gefeiert wird, so geschieht dies hemmungslos und orgiastisch und es geht derbe zu bei Hofe. Da dröhnt es in diesen mitreißenden Schilderungen zuweilen vor Sinnenfreude, Schrankenlosigkeit und drastischer Komik, die vor Obszönitäten nicht zurückschreckt. Um so beklemmender wirken dann die finsteren Launen des jähzornigen Zaren, die in blutigste Grausamkeiten münden können.

Der Autorin gelingt es in ihrer recht weiblichen und zugleich ungekünstelt sprachgewaltigen Art des Schreibens, eine große Nähe zu dieser ungewöhnlichen Frau und ihrem Schicksal zu schaffen. Deren derbe Natürlichkeit wird von viel Menschlichkeit geadelt und man spürt die Bitternis, dass es ihr trotz zwölf Schwangerschaften nicht gelingt, dem Zaren einen Thronfolger zu schenken. Dennoch lernt man verstehen, warum dieser in jeder Beziehung gewaltige Herrscher seine Mätresse heiratet und sie sogar zur Zarin und Nachfolgerin macht.

Die junge Autorin hat einen wunderbaren Historienroman geschaffen, der sich nicht zuletzt durch ein hervorragend recherchiertes Zeit- und Lokalkolorit auszeichnet. Ellen Alpsten führt den Leser in eine faszinierend fremde Welt, die einen ab und an schaudern aber bis zur letzten Zeile nicht ruhen lässt.

 

# Ellen Alpsten: Die Zarin; 477 Seiten; Eichborn Verlag, Frankfurt; € 19,90

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)

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