
BARBARA CHASE-RIBOUD: „DIE UNBEKANNTE SALLY HEMINGS“
Schon zu seinen Lebzeiten gab es Behauptungen, Thomas Jefferson (1743-1826), einer der Gründerväter der USA, habe Kinder mit seiner langjährigen Sklavin Sally Hemings gezeugt. Über 200 Jahre kämpfte vor allem die alte Garde mächtiger weißer Südstaatler darum, die Ikone der Staatsgründung vor dem Verdacht der verbotenen „Rassenvermischung“ zu schützen.1998 verloren sie den Kampf endgültig, als per DNA-Tests bewiesen wurde, dass Jefferson der Erzeuger sämtlicher sieben Kinder war, die Sally Hemings zur Welt brachte. Doch schon vorher hatte die renommierte Künstlerin Barbara Chase-Riboud den bemühten Schleier des Vergessens über die Tatsachen mit einem aufsehenerregenden Roman hinweggerissen.Bereits 1979 veröffentlichte die Bildhauerin und Zeichnerin ihren dann preisgekrönten historischen Roman über das Leben von Sally Hemings (1773-1835). Bewusst zum 250-jährigen Jubiläum der Vereinigten Staaten von Amerika in diesem Juli liegt dieses Werk verdienstvollerweise in einer längst überfälligen Neuausgabe wieder vor, angereichert mit einem Nachwort, das die Autorin dem Original 1994 hinzugefügt hatte.„Die unbekannte Sally Hemings“ lautet der Titel und der ganz nah an der Realität ausgerichtete Roman beginnt im Jahr 1831 in Virginia, als ein Census-Beamter die immer noch schöne zierliche Frau aufsucht und die Mittfünfzigerin zum Rückblick auf ihr Leben anregt. Sie lebt zu dieser Zeit mit ihren zwei jüngsten Söhnen in einer Hütte am Rande von Monticello, dem legendären Anwesen Jeffersons. In episch breiter Erzählweise entfaltet sich nach und nach nicht nur die ungewöhnliche Vita Sallys, auch ihre verwandtschaftliche Einbettung in die Familie Jeffersons ist außergewöhnlich. Sie und Martha Wayles, die Ehefrau des Politikers und Plantagenbesitzers (mit hunderten dort schuftender Sklaven!) hatten denselben Vater und sie war als Halbschwester Marthas auch die Tante von deren Töchtern – denen sie als rechtlose Sklavin zu dienen hatte.Als Martha Jefferson 1782 bei der Geburt des sechsten Kindes verstarb und Thomas Jefferson 1785 als Botschafter der USA vür vier Jahre nach Paris ging, ließ er seine Töchter nachkommen mit Sally als Kindermädchen. Und machte sie sie zu seiner Geliebten, die dann im Revolutionsjahr 1789 mit 16 Jahren erstmals schwanger von ihm wurde. Thomas Jefferson behielt diese gesellschaftlich wie juristisch absolut unstatthafte Beziehung bis zu seinem Tode bei und ihr entsprangen weitere sechs Kinder – drei von ihnen übrigens während er von 1801 bis 1809 als dritter Präsident der USA im Amt war.Aber – das alles blieb zumindest offiziell unentdeckt. Doch Barbara Chase-Riboud lässt ihre Heldin unmissverständlich klarstellen: „Die Sklaven und Sklavinnen überraschten den Master beim Stuhlgang und beim Beischlaf, die Mistress beim Gebären und mit den Menses, bei jeder intimen Verrichtung. Sie wussten, ob sie sauber war oder schmutzig.“ Immer wieder treten in den exzellent recherchierten und höchst authentisch beschriebenen Zeitumständen die Absurditäten der Sklaverei zutage. So war Sally Hemings als sogenannte Quarteronin nur zu einem Viertel afrikanisch und dabei von solch heller Hautfarbe, dass sie als Weiße hätte durchgehen können.Gleichwohl galt sie als Schwarze entsprechend als rechtloser minderwertiger Mensch. Noch absurder und unverständlicher: ihr jahrzehntelanger Liebhaber und Vater ihrer Kinder – der 1776 maßgeblich an der Unabhängigkeitserklärung und ihrem Grundsatz, dass alle Menschen gleich geboren seien, mitgearbeitet hatte – hat sie nie zur Freigelassenen erklärt.Diesen Schritt vollzog erst nach seinem Tod Nichte Martha Jefferson Randolph, die nun die Besitzerin ihrer Tante geworden war. Und dieser große Roman spart auch die weitaus schlimmeren Umstände der Sklaverei nicht aus, von denen Sally und ihre Kinder persönlich verschont blieben. Da gibt es nicht nur gallebittere Passagen, manche Schilderungen – auf Augenzeugenberichten beruhend – sind in ihrer abartigen, bestialischen Grausamkeit nur schwer zu ertragen.Sally Hemings aber ist hier als faszinierende Frau gekennzeichnet, stolz und eigenwillig und dabei vor allem auch wegen der widersprüchlichen bis widersinnigen Haltung des amerikanischen Vorzeigehelden Thomas Jefferson fast zeitlebens Sklavin geblieben, rechtlos und lange sogar quasi totgeschwiegen.Fazit: ein ganz wichtiger Roman, komplex und anspruchsvoll und eine Geschichtskunde der besonderen Art gerade jetzt zum 250. Geburtstag der USA.
# Barbara Chase-Riboud: Die unbekannte Sally Hemings (aus dem Amerikanischen von Werner Peterich); 623 Seiten; Diogenes Verlag, Zürich; € 28WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)