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ALEX HAY: „DIE QUEEN VON MAYFAIR“
Mit seinem Debütroman „Mayfair House“ legte Alex Hay einen umjubelten Old-Time-Krimi vor, angesiedelt im spätviktorianischen London mit hinreißendem Zeit- und Lokalkolorit. Und in dasselbe Nobelviertel kehrt der Autor mit seinem neuen Historienkrimi zurück.„Die Queen von Mayfair“ heißt denn auch der Titel. Diese Titelfigur ist allerdings keineswegs von edlem Stande, vielmehr gilt diese eben erst 26 Jahre alte Quinn LeBlanc als eine Art Königin der Unterwelt. Das unscheinbare, „Chateau“ genannte Haus in einem einfachen Viertel ist das streng geheime Hauptquartier der „Queen of Fives“. Diese Gaunerorganisation wird ebenso ausführlich vorgestellt wie deren Spezialität, die Betrügereien durch Hochstapelei. Mit ihrer Cleverness hat sich Quinn schnell zur neuen Queen hochgearbeitet. Ihr zur Seite der Erzgauner Silk als unauffälliger Strippenzieher.Er ist aber auch der Wahrer des seit Generationen geltenden Regelbuches der Organisation, das so strikt zu befolgen ist, dass nun auch der jüngst geplante Coup in exakt fünf Tagen durchgezogen werden soll. Eine heikle Herausforderung, denn diesmal muss es ein ganz großes Ding sein, nachdem die Organisation wie auch das Chateau in den letzten Jahren etwas heruntergekommen sind. Hier und jetzt lautet der Plan, „einen Mann um sein Vermögen zu bringen und anschließend spurlos zu verschwinden.“Quinn mit ihrem legendären Geschäftssinn hat sich dafür den Herzog von Kendal auserwählt, aus dem Hochadel, reich und unverheiratet. In ganzen fünf Tagen – wie vom Regelbuch gefordert – soll die Gaunerei von der Anbahnung bis zu einer überstürzten Hochzeit und dem Abtauchen abgewickelt werden. Schon die planbaren Ecksteine haben es in sich, denn man muss ja erst einmal ins Visier eines solchen Herrn gelangen. Doch schon in der Titelankündigung heißt es als Unterschrift: „In den feinsten Kreisen zählt nur der Schein und sie kennt das Spiel wie keine andere.“Ausführlich und detailliert werden die raffinierten Schritte erzählt und erst langsam aber dann immer gewaltiger wird die Sogwirkung dieser komplexen Geschichte entfaltet. Da lernt man außer Quinn etliche weitere, illustre Mitspieler kennen. Sei es die Schwester des Auserkorenen, die aus sehr persönlichen Gründen gar keine Fremden in Kendal House dulden will. Oder der Erzdiakon, der nicht ganz freiwillig als Türöffner zu den hohen Kreisen dienen soll. Als viel wichtiger – und gefährlicher – erweist sich jedoch ein geheimnisvoller Gegenspieler im blauen Seidenmantel. Und dann spielt auch die verwitwete Stiefmutter des Herzogs eine sehr eigene Rolle und sorgt für weitere, teils frappierende Überraschungen.Da erinnern manche Winkelzüge und sich überschlagende Ereignisse an den Kultfilm „Der Clou“, nur dass sie hier im August 1898 ablaufen und die zentrale Figur eine clevere Frau ist. Fazit: ein souveränes Stück Spannungsliteratur, exzellent mit viel Farbe, herrlichen Gaunereien sowie Dünkel und Pomp dargeboten.
# Alex Hay: Die Queen von Mayfair (aus dem Englischen von Regina Rawlinson); 425 Seiten; Insel Verlag, Berlin; € 24

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)