- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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ANDREAS PFLÜGER: „KÄLTER“
Es beginnt wie ein gemächlicher Insel-Krimi: an diesem 23. Oktober 1989 feiert Luzy Morgenroth ihren 50. Geburtstag. Die Großgewachsene ist mit 15 Kilo Übergewicht und zu vielen Zigaretten Dorfpolizistin auf Amrum. Und sie ist mindestens so beliebt hier wie ihr einziger Kollege, der bärige Jörgen.
Doch dies ist der Einstieg zum jüngsten Roman von Andreas Pflüger, zweifach ausgezeichnet mit dem Deutschn Krimi-Preis und berühmt für meisterhafte Thriller. Der Titel lautet diesmal „Kälter“ und Kälte zeichnet den Bösewicht des Ganzen aus, aber – Luzy ist kälter.
Seit acht Jahren genießt Luzy die schläfrige Ruhe auf Amrum, als ausgerechnet an ihrem Geburtstag bei aufziehendem Sturm ein Dörfler von der Fähre verschwindet und stattdessen eine Gruppe dunkler Gestalten auf der Insel auftaucht. Die aber nicht damit gerechnet hat, dass Luzy viele ihrer Fähigkeiten aus dem früheren Leben noch ziemlich gut drauf hat.
Sie kann sämtliche Auftragskiller eliminieren und ist dennoch todtraurig, denn die haben ihren Kollegen Jörgen eiskalt abgeknallt. Doch sie macht auch einen ungewöhnlichen Fund bei einem der Erledigten, der unmissverständlich klar macht, dass dieser Besuch ein Gruß aus ihrer Vergangenheit war.
Ein streng geheimes Aktendeckblatt der Stasi-Abteilung XXII weist auf Hagen List hin, Deckname „Babel“. Womit Luzys Versteckspiel aufgeflogen ist. Was erstens zur sofortigen Kontaktaufnahme mit ihrem früheren Chef führt, dem inzwischen als Präsident des Bundeskriminalamtes fungierenden Richard Wolf.
Und zweitens zum Sprung ins Jahr 1981 mit Luzy Morgenroth als die vermutlich fähigste Einsatzbeamtin des BKA in den Hochzeiten der RAF. Soeben zur Leiterin einer Sicherheitsgruppe der Stufe 1 aufgestiegen, wird sie mit ihren fünf Kollegen zum strapaziösen Sondertraining nach Israel zum dortigen Inlandsgeheimdienst Shin Bet entsandt.
Kaum beendet, bekommt die Gruppe den Auftrag, den deutschen Wirtschaftsminister Kleinröder bei dessen Besuch hier zu begleiten. Da platz in typischer Manier des Kalten Kriegs eine PR-Bombe; der arrogante Minister soll einst als SS-Offizier für ein Massaker an polnischen Zivilisten verantwortlich gewesen sein.
Es gelingt Kleinröder tatsächlich, sich vor laufender Kamera reinzuwaschen und sogar weitere Termine anzugehen. So auch ein Treffen mit dem zwielichtigen Waffenhändler Kieling im Hotel Salomon. Was hier nun abläuft mit einer infamen Inszenierung mit dem sogenannten Schabbat-Aufzug und tödlichem Ende für Kieling aber auch Luzys Kollegen, das ist so spektakulär, dass James Bond-Action dagegen wie Kindergeburtstag erscheint.
Luzy aber ist trotz aller Fähigkeiten und Trefferquoten nur aus einem Grund die einzige Überlebende: Initiator Hagen List als Babel verzichtet mit zynischem Grinsen auf den Fangschuss und flüstert ihr einen seiner von Narzissmus triefenden Sätze zu: „Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“
Während sich Luzy von den erlittenen Kampfverletzungen erholt, sorgt sie nebenher für einen Eklat, indem sie der Presse steckt, dass der – ebenfalls umgekommene - Kleinröder sehr wohl der vermutete SS-Mörder gewesen sei. Mit eindeutiger Narbe unterm Arm.
Richard Wolfs Rettung vor dem fälligen Rausschmiss aus dem Dienst war dann die diskrete Abschiebung zur Inselpolizei. Und natürlich holt er sie nach dem Geburtstagsanschlag zurück, denn wohl nur sie kann das Chamäleon Babel identifizieren und auch eliminieren. Wenn überhaupt irgendwer.
Damit wird dessen Werdegang vom frühen RAF-Mitglied, das zu den 1975 gegen den CDU-Politiker Peter Lorenz ausgetauschten Freigepressten gehörte und dann im Yemen verschwand, über seinen Aufstieg bei MfS, KGB und anderen Geheimdiensten bis hin zum höchstbezahlten Auftrags-Terroristen der Welt spannend ausgebreitet.
Die Jagd, die nun einsetzt, ist einfach nur atemberaubend voller rasanter Wendungen. Vor allem aber spielt sie nicht nur vor den historischen Ereignissen im Herbst 1989 – sie bezieht sie voll mit ein. Wie Luzy Morgenroth da unerbittlich ihre alte Kampfstärke wieder antrainiert, wie sie den 9. November als die verrückteste aller Nächte Berlins erlebt – und auf dem Weg zur Stasi-Zentrale in der Normannenstraße notgedrungen drei Wachsoldaten eliminiert.
Dann stößt sie auf einen knallharten hünenhaften KGB-Agenten, der ebenfalls auf Babels Spuren ist und nach heiklen Reibereien sogar zum Kampfgenossen wird. Doch der gefährlichste Terrorist der Welt spielt sein eiskaltes Spiel nicht nur mit Luzy. Die allerdings hat sich geschworen: „Hagen List wird lernen, bei welcher Temperatur der absolute Nullpunkt erreicht ist.“
Immer wieder entfalten sich auch faszinierende Einblicke in die Arbeitsmethoden der Geheimdienste, wo BND, KGB, das MfS in seinen letzten Zügen und immer wieder auch der Mossad wichtige und sehr real dargestellte Rollen spielen. Ohnehin sorgt die exzellente recherchierte Einbettung in die tatsächlichen Gegebenheiten für den ganz großen Genuss an diesem Thriller.
Der sich in ein irrsinniges Finale in Wien steigert, dieses besonderen Tummelplatzes der Geheimdienste dieser Welt. Der Anschlag, den Babel dort inszeniert, ist so spektakulär, dass selbst Hollywood sich anstrengen müsste, um den angemessen zu verfilmen. Wobei Film-Zitate übrigens allerlei intelligente Einsprengsel beisteuern. Nach Wien aber kehrt Ruhe ein. Allerdings – der Roman ist noch nicht zu Ende...
„Kälter“ ist sprachgewaltig mit hinreißenden Bildern, manch satirischen Seitenhieben und knorrigem Humor. Bei all dem erweist er sich als anspruchsvoll und insgesamt nicht weniger als ein literarischer Leckerbissen. Und es bleibt nur noch zu hoffen, dass dieses gewaltige Meisterwerk verfilmt wird.
# Andreas Pflüger: Kälter; 495 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
