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ANGELIKA KLÜSSENDORF: „TROST“
Rita ist Mitte 60 und sie steht im Mittelpunkt von Angelika Klüssendorf jüngstem Roman „Trost“. Unschwer erkennt man in Rita mehr biografische Züge als nur das Alter der Autorin, denn auch sie ist in der DDR als Waise in einem Kinderheim aufgewachsen. Auch schreibt Rita, allerdings nur auf dem Niveau der sogenannten Geschenkbücher. Was ihr jedoch genügt, denn ihre Geschichten handeln von dem, was sie am meisten liebt: ihre Hühner und die Natur an sich. Und gibt seit elf Jahren Joachim, doch da genießt sie längst jede seiner Abwesenheit, wenn er mal wieder in seiner Berliner Wohnung weilt.Während ihr Stieftochter Jane sehr ans Herz gewachsen ist, mag sie es gar nicht, dass Joachim sie „Käfer“ nennt. Um so tragischer ist es nun, dass ausgerechnet Tierliebhaberin Rita mit fatalen Folgen einen Käfer verschluckt – wie sie meint. In Wirklichkeit war es eine Wespe und deren Stich lässt sie ins Koma fallen. Das erfährt man aus den folgenden Kapiteln, in denen Rita nur noch diese stumme Rolle inne hat. Stattdessen lernt man Joachim kennen, den ehemaligen Musiklehrer, der sich schon immer schwer tat mit seinen Gefühlen. Nun aber um so mehr auch mit seinem Alter.Einerseits hatte sich seine Beziehung zu Rita ohnehin ohnehin längst in Leerlauf verwandelt, andererseits braucht er mit seinen 67 dringend die Bestätigung seiner Männlichkeit. Die er in der Nachbarin findet, wobei sich diese knapp 40-jährige Kerstin als eine ziemlich unsympathische Person erweist.Doch nachdem er einen wochenlangen Jungbrunnen mit der angeblich in Scheidung lebenden Holden erlebt hat, kommt plötzlich die schockierende Ansage: sie ist schwanger. Was ein gewaltiges Gefühlschaos in ihm auslöst, denn bei seinen Problemen mit zu viel Nähe ist er hin- und hergerissen über Möglichkeit einer solch späten Vaterschaft. Zumal er auch mit Tochter Jane – ebenfalls ein spätes Kind mit jetzt eben 17 Jahren – ein eher sprödes Verhältnis hat, Die wiederum ist selbst auf der Scuhe nach sich selbst und voller Schwankungen auf ihrem Weg zum Abitur und zum Erwachsenwerden.Zusätzlich aber werden als die persönlichen und emotionalen Verwerfungen dieses Gesellschaftsromans geprägt von den besonderen Umständen der Zeit, in der das Geschehen eingebettet ist: man schriebt das Jahr 2022 und während die Corona-Zeit noch immer für Belastungen uns insbesondere viel Isolation sorgt, erschüttert der Überfall Russlands auf die Ukraine die Gemüter. Das betrifft dann auch die weiteren Figuren in diesem psychologisch mit viel Einfühlungsvermögen aber auch klarer Präzision erzählten Romans. Und wenn Joachim dann scheut, die seit dem ersten Kapitel im Koma liegende Rita im Krankenhaus zu besuchen, so offenbart er aus Scheu vor dem Anblick von Verfall und nahem Tod seine ganze Unfähigkeit zu trösten wie auch getröstet zu werden.„Trost“ ist ein kleiner und doch sehr reichhaltiger Roman, der so real ist, dass er zutiefst berührt. Und in einer lange nachhallenden Erkenntnis endet: „Jeder, wirklich jeder Mensch braucht Trost. Und das ist überhaupt kein schlimmer Gedanke – es wäre erst dann schlimm, wenn es keinen Trost gäbe.“

# Angelika Klüssendorf: Trost; 206 Seiten; Piper Verlag, München; € 24

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)