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ARO SAINZ DE LA MAZA: „STADT DER SCHATTEN“
Eine Szene, als wäre sie aus Dantes Inferno entsprungen: an der Fassade von Antoni Gaudis berühmter Casa Milà hängt ein Mann, an den Händen gefesselt, und verbrennt bei lebendigem Leib. Das Licht des Juli-Morgens bescheint die monströse Szene und der Täter filmt alles fürs Netz.Barcelona ist erschüttert und die Polizei steht ratlos vor der Wahnsinnstat, der mit Eduard Pinto ein unbescholtener Ex-Minister und Banker zum Opfer gefallen ist. Und in drei Wochen erwartet man den Besuch des Papstes zur Einweihung der Kathedrale Sagrada Familia. Untersuchungsrichterin Susana Cabot weiß nur einen Rat: Kommissar Milo Malart muss zurückgeholt werden. Nur er hat die nötige spezielle Antenne für solche Täter. Oder wie das eigenbrötlerische Raubein selbst bekennt: „Zwischen den Irren, die wir festnehmen, und mir gibt es nur einen einzigen Unterschied, nämlich dass ich eine Dienstmarke habe.“Die aber musste die erfolgreiche Spürnase kürzlich abgeben, nach er tätlichen gegen einen Vorgesetzten geworden war. Nun jedoch die Reaktivierung auf Bewährung, und man stellt ihm die forsche Kommissaranwärterin Rebeca Mercader an die Seite.Und das ist der Einstieg in einen Psychothriller von absoluter Meisterklasse, den der katalonische Erfolgsautor Aro Sainz de la Maza unter dem Titel „Stadt der Schatten“ verfasst hat. Eines aber ist schier unglaublich: dass dieser preisgekrönte Roman 14 Jahre seit seinem Erscheinen gebraucht hat, um endlich auch auf Deutsch vorzuliegen. Was er vermutlich auch nur der Netflix-Serie nach dem Roman aus dem Jahr 2025 zu verdanken hat.Nun also Milo Malart, wie er sich grüblerisch in den Fall versenkt und Details aufspürt, die andere einfach nicht sehen. Wie die Inschrift auf einer Säule gleich hinter dem Balkon, an dem das verbrannte Opfer hing: „Verzeih alles und vergiss.“ So sehr Malart auch im Dauerclinch mit seiner Begleiterin Rebeca liegt – die als Figur eine echte Bereicherung gegenüber seinen Attitüden ist – beide erahnen, dass diesen Täter nicht einfach nur Rachefantasien antreiben sondern tiefer Hass. Malart, dem die Polizeipsychologin eine „oppositionelle Trotzstörung“ bescheinigt, hat außer mit der hochsommerlichen Hitze und dem komplexen Fall auch mit privaten Problemen zu kämpfen. Und seine Thesen stoßen in Polizeikreisen auf teils drastische Kritik.Dann jedoch verschwindet Telix Torres, Chef des Stiftungsrates des Circulo Gaudi, reich, mächtig und von großem Dünkel. Malart und Mercader sind sich sicher, dass er das zweite – und vermutlich nicht letzte Opfer – des Täters von der Casa Milà sein wird. Für die Polizeioberen dagegen ist klar, dass Torres geflüchtet ist, denn man ermittelte insgeheim wegen Korruption gegen ihn. Und die Kritik an Malarts Vermutungen nutzt dann auch noch der Sensationsreporte Navarro im Fernsehen, mit brachialer Bloßstellung des umstrittenen Ermittlers.Womit auch die wenig hilfreiche Klassifizierung des Täters als „Henker von Barcelona“ verbunden ist. Allerdings denken Malart und Mercader durchaus, dass der raffinierte Täter eine Art Feldzug gegen die Stadt führt – über deren größten Schatz, das Erbe des genialen Baumeisters Gaudi. Das im Übrigen mit Hingabe detailliert und anschaulich beschrieben wird.Mit immer neuen Steigerungen liest man sich geradezu schwindelig an dieser rau, drastisch und zugleich absolut stimmigen Prosa mit ihrer dichten Atmosphäre, den vielen knackigen Dialogen und sich allmählich eröffnenden makabren Tätergedanken. Die Dramatik ist hochtourig und intensiv und ja, Felix Torres ist das nächste, aber nicht letzte Opfer. Mehr aber darf einfach verraten werden von dem, was nun weiter in noch größeren Dimensionen und mit nbie nachlassender Souveränität erzählt wird.Fazit: „Stadt der Schatten“ ist ein wahres Monster von einem Buch in ganz großer Erzählkunst und man nur hoffen, dass nun auch die weiteren Romane um Milo Malart auf Deutsch herausgebracht werden.
# Aro Sainz de la Maza: Stadt der Schatten (aus dem Spanischen von Mareike Philipp); 619 Seiten; Rütten & Loening Verlag, Berlin; € 26WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)