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CAROLINE WAHL: „1999 METER ÜBER DEM MEER“
Manchmal muss ein Verriss einfach sein. Doch die Berufsehre fordert bei einer solchen Kritik, egal ob Konzert, Theaterstück oder Roman, dass man sich das ganze Werk angetan hat. Bei dem jüngsten Roman von Caroline Wahl erinnert man sich dabei jedoch recht bald daran, dass die große Iris Radisch zu Wahls drittem Roman konstatierte, dessen Lektüre sei ihr wie „verschenkte Lebenszeit“ vorgekommen. Die so Verrissene dagegen ätzte 2024 gegen die Juroren, dass sie nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stehe...Nun also „1999 Meter über dem Meer“, das mit einem Selbstfindungstrip der Ich-Erzählerin samara nach abgeschlossenem Studium einsetzt. Vier Wochen Bali, dabei hasst sie das Meer und eigentlich alles, weswegen man üblicherweise auf die fernöstliche Insel reist. Das gäbe Raum für satirische Seitenhiebe gegen derlei Urlaube, stattdessen ergeht sie sich in aufgeblasenen Petitessen über Drinks, Speisen und langweilt mit dem Dreschen von leerem Stroh. Da endet eine Vielzahl von bedeutungsschwangeren Sätzen von Fehlgeburten, die man irgendwann nur noch gähnend überschlägt.Was allerdings bis zur Unerträglichkeit verschärft wird durch die häufige infantile Fäkalsprache. Die einerseits zu einer studierten Frau nicht so recht passen mag, doch wenn das schließlich in der Selbsterkenntnis „Ich bin so ein Scheißkackmensch“ gipfelt, möchte man ihr schon gar nicht mehr widersprechen. Nach Bali will Samara nun einen Job in Berlin antreten, besucht vorher aber noch kurz die offenbar in Süddeutschland lebenden Eltern. Bei ihrem Vornamen und dem Umstand, dass sie ihren Vater „Baba“ nennt, liegen orientalische Wurzeln nahe. Was aber ohne jede weitere Bedeutung bleibt.Um so hirnrissiger erweist sich dagegen, dass Baba eine Kfz-Werkstatt betreibt und seiner Tochter als Fahranfängerin einen gebrauchten Mercedes SL R 129 Cabrio schenkt, um damit nach Berlin zu gelangen. Und mit dieser 3,2 Liter-Luxuskarosse jagt das in ihrem Reifeprozess offenbar noch arg unfertige Mädchen dann in die Hauptstadt. Ihre Karriere in einer Influencer-Agentur wird zwar mit irre angesagten Themen und coolen Locations ebenso kurz wie inhaltlich bedeutungslos angerissen, allerdings gibt es mit dem Konflikt zwischen ihr und Mitbewohnerin Luca mit dem Konflikt zwischen den beiden und einem Steak in der WG-Küche wenigstens mal wirklich etwas zum Amüsieren.Dann aber folgt der große Tripp in die Alpen, auch weiterhin begleitet von endlosem Girlie-Kram inklusive völlig überflüssiger und redundanter Aufzählungen von oder Müllermilch- und anderen Drinks und ebensolchen Snacks. Und schließlich landet sie auf Umwegen sogar in St. Moritz, wo sie unter all den Schickmicki-Wichtigtuern zur eher zufälligen Hochstaplerin wird. „Ist hier denn wirklich alles genau so, wie man es sich vorstellt?“ staunt sie zwischendurch mit verblüffender philosophischer Tiefe. Doch was hier bis zuletzt hätte leichtfüßig sein können, nervt einfach nur mit Oberflächlichkeit und hirnerweichenden Dialogen.Kaum zu glauben, dass diese Romanschreiberin angeblich Spitzenautorinnen wie Angelika Klüssendorf oder Juli Zeh zu ihren Vorbildern zählt. Dabei kann sie qualitativ nicht einmal Hera Lind oder Gaby Hauptmann auch nur das Wasser reichen – die aber sind wenigstens unterhaltsam und oft auch witzig.Und nein, der flotte Output immer neuer Bestseller ist kein Hinweis auf – möglicherweise übersehene? - Qualitäten. Bleibt nur zu hoffen, dass Caroline Wahl trotz all der Hype und des Erfolges nicht wirklich die Stimme ihrer Generation ist.Und ja, verehrte Iris Radisch, auch die Lektüre dieses neuen Romans der von Narzissmus offenbar gänzlich ungekränkelten Autorin war verschenkte Lebenszeit.
# Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer; 367 Seiten, Rowohlt Verlag, Hamburg; € 24WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)