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DANA VOWINCKEL: „ANTON UND ALMA“
Schon bei der ersten Begegnung auf einem Schüleraustausch gefällt Alma dieser nur wenig ältere Anton. Als sie sich 2019 in Berlin, wo sie beide aufgewachsen sind, wiedersehen, werden sie bald ein Paar. „Anton und Alma“ heißt denn auch der Titel des zweiten Romans von Dana Vowinckel, der bereits auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2026 steht. Ein Liebesroman der besonderen Art ist das mit heftigen Gefühlen, herzhaftem Sex und manchen typischen Streitereien unter Verliebten.Doch „Anton und Alma“ ist weit mehr als das, denn die Autorin hat wie der junge Man einen jüdischen Hintergrund, wogegen Alma nicht nur mit Nachnamen Bormann heißt, sondern sogar ganz entfernt mit der gleichnamigen Nazi-Größe von einst verwandt ist. Während Anton kein gläubiger Jude ist und nicht einmal überhaupt an Gott glaubt, nähert sich Alma im Verlaufe ihrer Verbindung dem Judentum so weit an, dass sie sogar mit der „Giur“ beginnt, den Präliminarien, um jüdisch zu werden.Zunächst aber geht es leichtfüßig zu mit eher normalen Befindlichkeiten des jungen Paares. So gibt es Reibungspunkte allein aus dem Umstand, dass Anton aus einer Akademikerfamilie stammt, allerdings seine Probleme mit den streitbaren Eltern hat. Alma wird in dieser Familie herzlich aufgenommen und genießt dies um so mehr, als sie sich in der eigenen sehr unwohl fühlt. Sie ist dort als erste Abiturientin eine Außenseiterin. Vor allem aber vermisst sie den früh verstorbenen Vater, während sie den fiesen Stiefvater nicht leiden kann und sich ohnehin zuhause ausgegrenzt fühlt.Der säkulare Jude Anton befasst sich nun intensiv mit altjüdischen Themen für seine akademische Karriere. Während er sich zugleich durch den Antisemitismus bedrängt fühlt, nähert sich Alma dem Jüdischsein aus einem Gefühlt der Einsamkeit an. Da ist es diese besondere Gemeinschaft innerhalb der jüdischen Gemeinde, die sie fasziniert. Almas Streben führt schließlich dazu, dass Anton selbst beginnt, sich erstmals ernsthaft mit seiner eigenen jüdischen Herkunft zu beschäftigen.Und wenn es nicht nur im persönlichen Miteinander sondern gerade auch wegen dieser Fragen intensive Diskussionen zwischen den Liebenden gibt, hat es gerade für Alma etwas Tragisches, wenn Anton sie ausgerechnet wegen seiner jüdischen Studien tief verletzt. Erst verbringt er Monate in den USA für seine Master-Studien und dann muss er ihr bei der Heimkehr gestehen, dass er für einen verlockenden Forschungsauftrag für mehrere Jahre nach New York wechseln will. Alma ist zutiefst verletzt und vollzieht die Trennung, ihre Annäherung ans Jüdisch-Werden aber setzt sie fort.Bei all diesen quasi privaten Aspekten der Geschichte, die ihre Spannung gerade auch daraus zieht, dass sie aus den wechselnden Perspektiven der Beiden erzählt wird – teils sogar in Wiederholung von Sachverhalten, aber eben aus den unterschiedlichen Sichtweisen – spielen reale Ereignisse eine teils beiläufige, teils gravierende Rolle. Es sind nicht nur rechtsextremistische Anschläge wie in Halle und Hanau, die mehr oder weniger direkt mit einfließen, wie ohnehin viel zu jüdischem Leben an sich. Der Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 fließt stark mit ein und hier ist es besonders Anton, der sich mit ideologischen und moralischen Reaktionen auseinandersetzen muss.Das ist komplex und anspruchsvoll, Dana Vowinckel fesselt jedoch trotz vieler detaillierter Ausführungen, denn sie versteht es glänzend, das alles samt den immer wieder funkelnden Dialogen ebenso klug wie mitreißend zu verweben. Und dann kehrt Anton nach eineinhalb Jahren Trennung zu Alma zurück. Doch man denke an die größten Liebesgeschichten der Weltliteratur wie „Romeo und Julia“ - auch sie sind ohne Happyend unvergesslich. Wie eben „Anton und Alma“, ein Meisterwerk als souverän miteinander verflochtener Liebes- und Gesellschaftsroman.
# Dana Vowinckel: Anton und Alma; 537 Seiten; Suhrkamp Verlag, Berlin; € 26WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)