
DEON MEYER: "DER TAG DES SKORPIONS“
Endlich gibt es den lang ersehnten zehnten Roman um die Ermittler Bennie Griessel und Vaughn Cupido. „Der Tag des Skorpions“ lautet der Titel und Deon Meyer, der König der südafrikanischen Krimi-Autoren, läuft einmal mehr zu ganz großer Meisterschaft auf. Für eine quälende Zeit waren die beiden einstigen Elite-Polizisten der Spezial-Einheit Valke (Organisierte Kriminalität, Wirtschaftsverbrechen und dergleichen) degradiert und ins beschauliche Universitätsstädtchen Stellenbosch strafversetzt. Nun kommt die befreiende Mitteilung von oben: sie sind rehabilitiert und wieder im Range von Kapteins.Doch eingangs gibt es einen Prolog, der im Juni nach Moskau führt. Dort weilt Aishah Fernandez, Generaldirektorin im Ministerium für Bergbau und Energie in Pretoria, für Verhandlungen in einem Hotel. Was es mit den sechs bulligen Russen auf sich hat, die plötzlich in ihr Zimmer stürmen, bleibt offen und kommt erst sehr viel später zur Sprache.Für Bennie Griessel und Vaughn Cupido, die vorerst weiter in Stellenbosch bleiben sollen, spielt das Privatleben eine wichtige Rolle. So ist Bennie seit sechs Monaten mit seiner Dauerpartnerin, der einstigen Sängerin Alexa, verheiratet, und er versucht eine Annäherung an Sohn Fritz, mit dem er sich in seiner Alkoholzeit völlig entfremdet hatte. Vaughn ist derweil unter Stress, weil hochverliebt in seine Desirée, und – er will ihr den fälligen Heiratsantrag erst machen, wenn er mit quälender Diät unter 100 Kg Gewicht gekommen ist. Entsprechend gereizt reagiert er, als man ihn zu einem Tatort schickt, bei dem lediglich eine Schäferhütte auf dem Areal eines vornehmen Weinguts abgebrannt ist. Eine Zumutung für einen Elite-Polizisten, zumal der schwarze Vaughn besonders allergisch auf die Attitüden des weißen Großgrundbesitzers reagiert. Und dann behauptet auch noch ein Farmaufseher, ein UFO habe mit einem Lichtstrahl auf die Hütte geschossen.Bennie aber schockiert Vaughn mit einem traurigen Anruf: Brendan 'Skinny' Maarman wurde Opfer eines Unfalls. Der frühere Kollege und jetzige erfolgreiche Privatdetektiv wurde erdrückt unter einem BMW gefunden, der in der Bastelgarage offenbar unzureichend abgestützt aufgebockt war. Nur vorsorglich hatte man Bennie zum Unfallort geschickt, doch der wittert schnell Unrat. Der versierte Schrauber, der Oldtimer restaurierte, galt als ebenso clever wie ordentlich. Um so unverständlicher, dass er sich so unvorsichtig unter den Wagen gelegt haben soll. Vor allem aber. Wieso hatte Skinny völlig saubere Hände? Auch ein Helfer bestätigt, Bennie, dass sich Skinny niemals unter einen schlampig aufgebockten Wagen gelegt hätte.Während Bennie nun verbissen verschiedene Verdachtsmomente verfolgt und immer wieder in Sackgassen gerät, wird zumindest eines immer deutlicher: das war nicht nur Mord, die Täter müssen sich viel Mühe gegeben haben, es als Unfall aussehen zu lassen. War Skinny etwas sehr Großem auf der Spur und warum gibt es ausgerechnet dazu keinerlei Hinweise bei dessen Ordnungsliebe?Ausführlich und eher langsam entwickelt sich das Geschehen mit viel polizeilicher Feinarbeit aber auch Einschüben aus dem Privatleben. Außerdem entfaltet Deon Meyer mit einem eleganten dramaturgischen Kniff die Vita Bennies über 30 Jahre als Verbrecherjäger in Form von Interviewausschnitten einer Journalistin.Im selben Tempo schreiten vorläufig auch Vaughns Ermittlungen voran, obwohl die nun einen echten Knalleffekt bekommen. Wieder ist es eine explosive Brandstiftung, diesmal allerdings weitaus spektakulärer. Nicht nur, dass ein Wohnwagen auf dem Gelände eines großen Anwesens gesprengt wurde – in ihm gab es eine Leiche. Die aber sorgt für Schlagzeilen, denn das war ein populärer TV-Star und zugleich der viel jüngere Lover-Boy von Film-Schönheit Lynette Morkel. Da toben die Vermutungen über Täter und Motiv nicht nur um so wilder, Vaughn findet auch heraus, dass der Auslöser wirklich ein Geschoss von oben war.Eine Rakete wie wohl auch bei der Schäferhütte, weshalb er jetzt auch entsprechende Fachleute an der Universität anzapft. Und während das Geschehen längst unentrinnbar Fahrt aufgenommen hat, ahnt man immer wehr, dass sich hier ganz andere Dimensionen auftun und – dass die Fälle von Bennie und Vaughn offensichtlich miteinander in Verbindung stehen. Und endlich findet auch der Titel des Romans erstmals Erwähnung wie nun auch Aishah Fernandez' Name erstmals wieder erscheint: als angebliches Suizid-Opfer. Das aber unterliegt strengster staatlicher Geheimhaltung. Doch nicht nur die beiden Ermittler wittern längst eine viel größere Fährte, denn in wenigen Tagen soll das jüngste Gipfeltreffen der BRICS-Staaten in Südafrika stattfinden mit Spitzenpolitikern aus Brasilien, Russland, Indien, China und dem Gastgeberland.Mehr aber sei hier nicht verraten von diesem exzellent komponierten Politthriller, der weit mehr ist als nur ein hochklassiger Krimi. Die starken Charaktere überzeugen mit ihren Konturen wie auch mit oft knochentrockenen Dialogen, außerdem zeichnet sich der gesamte Roman nicht zuletzt durch das erneute Einfließen der politischen und gesellschaftlichen Realität dieses komplexen, problembeladenen Landes aus.Fazit: ein eher langsames und dennoch bis zuletzt fesselndes Meisterwerk der Spannungsliteratur.
# Deon Meyer: Der Tag des Skorpions (aus dem afrikaans von Stefanie Schöfer); 511 Seiten; Rütten & Loening Verlag, Berlin; € 24WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)