
KARINE TUIL: „DIE LIEBESHUNGRIGEN“
Immer wieder widmet sich die französische Erfolgsautorin Karine Tuil mit schonungsloser Präzision gesellschaftlichen Verwerfungen und macht es dabei jedes mal richtig spannend. Nun greift sie sogar in die ganz hohe Politik mit nicht weniger als dem Staatspräsidenten. Allerdings mit dem Gewesenen und dieser Dan Lehman ist vor einem Jahr nach nur fünf eher erfolglosen Jahren nicht wiedergewählt worden. Nun giert er um so verzweifelter nach den Resten von Bedeutung und Anerkennung und kommt nur mit viel Alkohol und Sedativa über die Runden.Der Titel des Romans lautet „Die Liebeshungrigen“, was sich bei Lehman jedoch längst nicht mehr auf Sex bezieht. Den hat er schon einige Zeit nicht mehr gehabt, doch – er fehlt ihm nicht einmal. Dabei ist er doch mit der bildschönen deutschen Schauspielerin Hilda Müller verheiratet.Wegen ihr verließ er vor dem Einstieg in den Präsidentschaftswahlkampf seine langjährige Ehefrau Marianne und die bereits erwachsenen Kinder. Er und die 25 Jahre jüngere Hilda wirbelten als Traumpaar durch den Wahlkampf und er eroberte trotz seiner ursprünglichen sehr linken Vergangenheit den Elysée Palast.Und Lehman wurde mit Mitte 60 noch einmal Vater. Die kleine Anna ist jedoch taubstumm und das lähmt Hildas Schauspielkarriere noch mehr als die Rolle der First Lady. Längst befindet sich die Ehe zwischen dem abgehalfterten Alpha-Mann und dem kapriziösen Zicklein völlig im Leerlauf.Doch es geht um weit mehr als nur die Befindlichkeiten dieses Ex-Präsidenten – der im Übrigen in vielem einer raffinierten Mischung aus Sarkozy und Hollande nachempfunden ist – sondern auch um den Medienbetrieb, in dem er sich noch immer beifallheischend tummelt, wie auch dem Filmrummel.Während Lehman ins Grübeln verfällt - „Die Politik, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte, war zu einem Wettbewerb im Weitpissen verkommen“ - bekommt Hilda eben jetzt das Angebot für die Hauptrolle in dem Film „Mitleidenschaft“, in dem es um Gewalt und Missbrauch gegen Frauen geht.Das Pikante daran: die Romanvorlage dafür hat ausgerechnet Lehmans Ex-Frau Marianne geschrieben. Hilda durchlebt heftige Dreharbeiten, denn Regisseur Nizan erweist sich als Heuchler gegenüber dem Filmthema und als ebenso tyrannischer wie übergriffiger Frauenverächter. Diesem Wüterich verfällt nebenher sogar Lehmans Tochter Leonie, obwohl sie eigentlich Feministin ist. Doch allenthalben toben Narzissmus und Gier ungehemmt. Das alles gipfelt in den Filmfestspielen von Cannes, wo dieser feministische Film über toxische Männlichkeit als kontroverse Sensation ebenso die Goldene Palme gewinnt wie Hilda als Hauptdarstellerin.Und dieses packende Finale ist noch nicht das Ende dieses Jahrmarkts der Eitelkeiten all dieser Promis aus Politik, Film und Oberschicht und denen, die alles geben, um gleichfalls dorthin zu gelangen und eine Rolle zu spielen. In rasantem Tempo entfaltet Karine Tuil ihre Analyse mit großer satirischer Tiefenschärfe aus verschiedenen Perspektiven und mit funkelnden Dialogen. Und wer in diesem grandiosen Gesellschaftsroman die sogenannte normalen Leute vermisst – die hätten hier, mit Verlaub, nur gestört.
# Karine Tuil: Die Liebeshungrigen (aus dem Französischen von Maja Üeberle-Pfaff und Alexandra Baisch); 391 Seiten; dtv Verlag, München; € 25WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)