- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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KIRAN DESAI: „DIE EINSAMKEIT VON SONIA UND SUNNY“
Im Jahr 2006 wurde Kiran Desais Roman „Erbin des verlorenen Landes“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Für ihren neuen Roman ließ sie sich dann fast 20 Jahre Zeit, herausgekommen aber ist ein gewaltiges Epos, das es nicht von ungefähr erneut auf die Shortlist für den renommierten Preis schaffte.
„Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ lautet diesmal der Titel und dieses umfangreiche Werk spielt zum großen Teil in den USA, wie die Autorin selbst seit langem lebt. Wie auch ihre beiden Titelfiguren, wobei Sunny in New York als nachrangiger Journalist arbeitet, während Sonia gerade ihr Studium in Vermont beendet und Schriftstellerin werden will.
Am Anfang steht jedoch ihre Familie in einflussreichen Kreisen in Allahabad im indischen Bundesstaat Uttar Pradhesh (der Roman spielt zwischen 1996 und 2002 und die Millionenstadt heißt inzwischen Pradjagraj). Dort macht sich Sorgen um das einzige Kind, das zuletzt arg depressiv am Telefon klang und seit zwei Jahren nicht mehr daheim war.
Dort weiß natürlich niemand, dass Sonia sich inzwischen von dem viel älteren, verheirateten Künstler Ilan de Toorjen Foss hat verführen lassen. Der abgründige Narzisst verleibt sie sich mit exzessivem Sexleben regelrecht ein, stürzt sie mit seinem Gebaren aber bald auch in große psychische Nöte.
Derweil empfindet Sunny einen verstohlenen Stolz darüber, als Inder mit dunkler Haut mit einer weißen Amerikanerin liiert zu sein. Ulla ist eine selbstbewusste Frau und Sunny fragt sich, ob dieser besondere Umstand nicht der wesentliche Grund für die Beziehung ist. Bis es dann zur durchaus schmerzlichen Trennung kommt.
Bei all dem wird deutlich, wie wichtig den indischen familien ein Erfolg ihrer Kinder in den USA ist. Bevorzugt mit einem Leben in New York, ohne wirklich Vorstellung über die wahren Umstände in diesem Land, für das sie eine Art Hassliebe empfinden.
Sunnys Familie in Delhi ist dabei ebenso einflussreich aber auch dysfunktional wie die Sonias, doch weil sie sich lose kennen und ihre Kinder auf einem guten Weg wähnen, versuchen sie ohen deren Wissen, eine Ehe zwischen ihnen zu arrangieren. So viel Tradition soll gelten, auch wenn das Geschehen ansonsten gänzlich modern geprägt ist.
Tatsächlich kehren Sonia und Sunny irgendwann wieder nach Indien zurück und sie lernen sich sogar kennen. Beide von Einsamkeit durchdrungen, finden sie ein nicht sehr haltbares Glück miteinander. Und die beiden irgendwie Entwurzelten gehen wieder auseinander.
Dennoch bringt sie gerade ihre Suche nach Halt und Gewissheiten am Ende nach vielen Verwirrungen und auch familiären Verwicklungen doch vielleicht noch einem subtilen Glück nahe.
Das Alles entfaltet sich mit ausufernden Detailreichtum und sehr dichtem, komplexen Inhalt in wunderschöner Prosa. Immer wieder begeistern ebenso klare wie subtile Anklänge an den Magischen Realismus, insbesondere wenn es um Naturbeschreibungen geht.
Zugleich klingen unüberhörbar die Minderwertigkeitsgefühle der Inder gegenüber dem Westen und hier insbesondere den US-Amerikanern durch. Gleichwohl ist dies ein Roman mit viel Gesellschaftskritik am heutigen Indien.
Fazit: ein reiches, langsam erzähltes modernes Epos, das man guten Gewissens als ein Stück großer Literatur einstufen darf.
# Kiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny (aus dem Englischen von Robin Detje); 749 Seiten; S. Fischer Verlag, Frankfurt; € 28
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
