
LUCY FOLEY: „MORD IM GRAND ALPINE HOTEL“
50 Jahre nach dem letzten Roman um Miss Jane Marple gibt es tatsächlich einen neuen Fall! Natürlich nicht von Krimi-Königin Agatha Christie (1890-1976) selbst, doch es waren ihre Erben, die die englische Erfolgsautorin Lucy Foley autorisiert und angeblich sogar gebeten haben, einen neuen Miss-Marple-Roman zu schreiben.Nun liegt „Mord im Grand Alpine Hotel“ vor, der im Jahr 1950 spielt. Allerdings nicht im beschaulichen St Mary Mead, Downshire. Vielmehr ist Miss Marple mit ihrer Freundin Dolly Bantry und deren Gesellschafterin zu einem kurzen Urlaub in die Schweizer Alpen gereist. Die Damen genießen die majestätische Landschaft im titelgebenden Luxushotel. Dort treffen sie auf manch illustre Gäste, unter ihnen mit Anthony Narracott sogar einen Anwärter auf den Posten des britischen Premierministers. Wie sich später herausstellt, weilt er mit seiner sehr jungen Gattin nicht nur zum Vergnügen hier, sondern wegen einer diskreten Suche nach einem angeblichen Goldschatz.Wofür er sich mit dem Gauner Crane triff, einem einstigen Militärkameraden. Doch auch einige andere Gäste sind ebenfalls nicht aus reinem Spaß in der pompösen Herberge. Alles aber atmet ganz viel 50er-Jahre-Esprit.Zur Eröffnung gibt es allerdings erst einmal einen Prolog mit Leiche, in dem der Seilbahnwärter mit Entsetzen sieht, wie die Gondel einen eingefrorenen Toten zur Bergstation bringt. Von hier aus springt das Geschehen um zwei Tage zurück und da tummeln sich unter den Gästen unter anderem mit Sylvia Sinclair auch eine alternde Hollywood-Diva – die ganz nebenher offenbar die Geliebte Narracotts ist – sowie einem jungen Arzt und anderen auffälligen Akteuren allerlei Personen, die ihre Geheimnisse pflegen.Als schließlich ein Schneesturm das Hotel völlig von der Außenwelt abschneidet, andererseits jedoch mit Anthony Narracott – er war die steifgefrorene Leiche in der Gondel – der erste Tote auftaucht, kommt Bewegung in die trügerische Idylle. Bis dahin blieb Miss Marple im Übrigen weitgehend im Hintergrund. Als es jedoch noch mehr Leichen gibt und Unruhe und Ratlosigkeit immer mehr zunahmen, läuft die alte Dame mit dem Krimi-Gespür zur bekannten Hochform auf. Das weiß selbst Inspektor Moreau von der Pariser Kriminalpolizei zu schätzen, der hier eigentlich nur Urlaub machen wollte und nun dienstlich werden muss, wenn auch nur inoffiziell.Natürlich eröffnen sich damit gleich zwei Krimi-Ebenen, nämlich mindestens ein Mörder in einer vorübergehend isolierten Gesellschaft und Agatha Christies legendäres Who-done-it. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, das jedoch gemächlich wie gewohnt und auch der Gewaltanteil bleibt dezent.Ein wenig abweichend vom Original-Christie-Stil sind dagegen die ausführlichen Landschaftsbeschreibungen und die etwas ausgeprägteren Action-Szenen. Es gibt einige raffinierte Wendungen, gleichwohl hätte es ein klein wenig moderner zugehen dürfen. Insgesamt aber werden die meisten der noch immer unzähligen Fans der Krimi-Königin ein recht nostalgisches Vergnügen an diesem Kriminalroman alter Schule haben.
# Lucy Foley: Mord im Grand Alpine Hotel (aus dem Englischen voin Maria Hochsieder); 395 Seiten; Penguin Verlag. München; € 24WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)