- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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M. L. STEDMAN: „EIN WEITES LEBEN“
Am 10. Januar 1958 beginnt die Zeit der schweren Schicksalsschläge für die alteingesessene und allseits angesehene Schafzüchterfamilie MacBride. Familienoberhaupt Phil kollidiert auf einer Schotterpiste mit einem Känguru, er selbst und Sohn Warren sterben, der knapp 18-jährige Matt überlebt schwer verletzt.
Mit diesen Szenen auf einer riesigen Schaffarm im Bundesstaat Westaustralien beginnt der erst zweite Roman von M. L. Stedman. Zehn Jahre hat sie sich Zeit gelassen nach ihrem weltweit erfolgreichen Debüt „Das Licht zwischen den Meeren“. Entstanden ist dabei ein überwältigendes Epos, das sich über Jahrzehnte erstreckt.
Eingangs wird die spektakuläre Natur des Landes vorgestellt und wie die Pastoralisten – die Schaffarmer, die die endlosen Flächen für ihre zigtausende Tiere nur von der Regierung gepachtet haben – hier leben und mit den Härten der Natur und ihrer Gewalten und der strapaziösen Arbeit umgehen.
In das nie einfache Leben der MacBrides schlägt das Unglück wie eine Faust ein und Witwe Lorna muss froh sein, dass noch die 21-jährige Tochter Rose da ist, egal wie widerborstig sei auch sein mag. Und dann ist da noch Miles, der Praktikant aus englischem Landadel, der seinen Einsatz auf der Farm verlängert, denn die Genesung Matts nach dem schweren Schädel-Hirn-Trauma zieht sich hin und ist ungewiss.
Als wichtiger Freund der Familie spielt im Übrigen der wortkarge, rätselhafte Pete Pechey eine wichtige Rolle. Der eigenbrötlerische Känguru-Jäger trägt die Vergangenheit in japanischer Kriegsgefangenschaft tief in sich und lebt nur im Freien.
Als Matt im März nach Meredith Downs heimkehrt, leidet er unter massiven physischen und physischen Störungen mit grimmigem Schweigen und plötzlichem Toben. Die Bemühungen um ihn belasten alle, vor allem aber steigern sich die Verwerfungen zwischen Rose und ihrer Mutter.
Um so enger und zugleich spröder ist ihr Umgang mit dem Bruder, der dann in einer Unwetternacht in einem der weit entlegenen primitiven Schafscherställe bei Kartenspiel und viel Bier und Whiskey zu einem schicksalsträchtigen Zwischenfall führt: draußen tobt die Natur und hier drinnen sind Bruder und Schwester nicht mehr bei sich und kommen einander zu nah.
Nach erneuten Vorwürfen seitens Mutter Lorna reißt Rose aus in die weit entfernte Großstadt Perth und meldet sich erst mit einer Postkarte, nachdem sie einen Job gefunden hat, mit dem bitteren Gruß „Rose, die verlorene Tochter.“ Derweil kümmert sich Miles um Matt, den seine Gedächtnis- und Stimmungsprobleme weiterhin schwer drücken.
Und dann kehrt Rose unerwartet zurück und noch vor Weihnachten – gebärt sie eine Jungen! Der erst viel später als Andrew MacBride registriert wird. Doch sein Geheimnis – wer ist sein Vater?! - wird zu einer Bürde nicht nur für sie. Die schließlich daran zerbricht.
In Ihrer Verzweiflung stürzt sie sich eines Nachts mit dem Baby in einen alten Minenschacht. Nur der kleine Andy überlebt und später lehnt Lorna ab und behält ihn als Familienmitglied auf der Farm. Doch allmählich kommen im Umfeld Fragen nach seinem Erzeuger auf.
Aber nur für Einen wird dieses Geheimnis jemals gelöst: durch eine heimliche Botschaft auf einem Zettel wie zur Erleichterung der Seelenpein hatte Rose sie versteckt mit den simplen Worten: „Matt ist der Vater“. Was diesen schier verzweifeln lässt: „Warum muss ausgerechnet ich noch leben?“
Dieses tiefe Schuldgefühl lässt ihn nie wieder los und als er später die Geologin Bonnie kennen und lieben lernt, scheut er im letzten Moment vor einem Heiratsantrag zurück, denn stets ist da diese vage Erinnerung an einen „verregneten Traum“ und das Wissen um die furchtbaren Folgen.
Mit seinem Neffen jedoch, der sein Sohn ist, entwickelt er nach anfänglicher Scheu ein enges Verhältnis. Doch gerade dessen Schulaufgabe, einen Familienstammbaum zu erstellen, sorgt für viel Kummer und Schmerzen nicht nur für Matt.
Ohnehin fließen in den breiten und stets grandios bildhaften Erzählstrom zahlreiche Nebenstränge ein mit ähnlich großartig gezeichneten Charakteren wie die der MacBrides. Alles ist auf die eine oder andere Weise miteinander verflochten und man möchte keinen einzigen Satz dieses langsam und dennoch absolut fesselnden Romans missen.
Der voller Tragik aufwühlt und mit zutiefst menschlichen Momenten berührt. Und mit der Erkenntnis, dass zuweilen das Schweigen nicht nur besser als das Wissen ist, sondern sogar überlebenswichtig. Die Größe dieses Romans wird im Übrigen gekrönt von der ungeheuren Sinnlichkeit von Natur, Fauna und Flora aber auch der überzeugenden Emotionalität der Menschen.
Fazit: ein Meisterwerk lebensnaher großer Erzählkunst.
# M. L. Stedman: Ein weites Leben (aus dem Englischen von Cornelius Hartz); 524 Seiten; Blanvalet Verlag, München; € 26
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
