0084cash

MADELINE CASH: „VERLORENE SCHÄFCHEN“
Das Haus der Flynns riecht nach Verfall mit seinen Bergen von dreckiger Wäsche, Müll und dem Schimmel in Bad und Küche. Und die Verwahrlosung scheint irgendwie nicht nur zu dieser Familie zu passen sondern geradezu sinnbildlich zum Zustand der US-Gegenwart.Dabei leben Bud und Catherine Flynn in der typischen Kleinstadt, wo alles adrett und die Kirchengemeinde von prägender Gewichtigkeit ist, Natürlich gehen auch die Flynns sonntags in die Kirche, gewissermaßen als Rest des schönen Scheins von Normalität.Unheilbare Risse erhielt das Vorzeigebild endgültig, als Mutter Catherine beschloss, ihre Ehe künftig offen zu führen. Wobei sie in ihrer Midlife-Krise speziell auf den Nachbarn Jim reflektiert. Woraus Ehemann Bud, gesegnet mit dem spannenden Beruf eines Buchhalters sich zum Schlafen fortan in seinen Van in der Garage verkrümelt. Und in seiner Misere wendet er sich an die ebenso trutschige wie missionarische Miss Winkle und ihre Selbsthilfegruppe der verlorenen Schäfchen.

Und „Verlorene Schäfchen“ heißt denn auch der Titel des Debütromans von Madeline Cash, der sich mit bitterbösem trockenen Humor dieser überaus amerikanischen Geschichte annimmt. Doch der Begriff dysfunktional wäre eine glatte Untertreibung bei dieser Familie. Wofür schon die drei Töchter sorgen, die ganz von der Art sind, wo man einem Sohn nur dringend raten könnte, sie niemals als Partnerinnen in Betracht zu ziehen.

Abigail, mit 17 die älteste und schönste, tendiert zu krassen Typen wie aktuell dem Ex-Soldaten mit dem sinnigen Spitznamen „Kriegsverbrecher-Wes“. Louise als Mittelkind leidet unter den entsprechenden Nachteilen dieser Stellung, fühlt sich nicht zu Unrecht völlig übersehen und chattet nächstens mit Partnern, die mutmaßlich beim FBI unter Terrorbeobachtung stehen. Wogegen die zwölfjährige Harper eine Art Mischung aus Greta Thunberg und einer Kratzbürste mit kriminellen Neigungen ist. Sie aber ist die Einzige der Flynns, die es voll drauf hat mit allem, was Computer angeht. Wobei sie auch Vaters Mails ausspioniert, der als Buchhalter beim örtlichen Konzern von Tech-Milliardär Paul Alabaster arbeitet.Solche wiederum neigen bekanntlich zu extremen Vorlieben und Harper kommt durch ihre illegalen Aktivitäten abnormen Praktiken des verkorksten Typen auf die Schliche. Die der ansonsten mit tragikomischer Situationskomik schier überschäumende Familiengeschichte auch noch einen kriminellen Touch und ein herbes Finale beifügen.Ansonsten aber ergeben sich Passagen voller saukomischer bis abstruser Situationen, wenn zum Beispiel der gebeutelte Bud ausgerechnet mit Tugendwächterin Winkle ins Bett geht; Catherine ihre erste Hotelübernachtung mit Jim platzen lässt, nachdem er sie mit einer sehr eigenen Sex-Macke konfrontiert hat oder Abigails Macker erotische Probleme mit dem Reizdarm hat.Diesem verrückten Roman fehlt etwas Tiefenschärfe und ein Hauch von Seriosität, um als Gesellschaftsroman durchzugehen. Als US-Tragikomödie aber sorgt er mit seinem Feuerwerk aus kauzigen und teils auch prolligen Pointen ein herzhaft unanständiges Lesevergnügen.

# Madeline Cash: Verlorene Schäfchen (aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz); 317 Seiten; Penguin Verlag, München; € 24

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)