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MARIA REVA „EIN KÖNIGREICH FÜR EINE SCHNECKE“
Jeva ist eine Wissenschaftlerin, die sich quer durch die gesamte Ukraine für vom Aussterben bedrohte Schneckenarten einsetzt. Dafür hat sich die eigenbrötlerische Malakologin eigens ein großes Wohnmobil zum mobilen Forschungslabor umgebaut. Und diese Jeva soll nun die Hauptfigur eines Romans sein? Das funktioniert nur, weil sie nach allerlei Finanzierungsschwierigkeiten für ihre Arbeit – wer sponsort schon den Erhalt derlei schleimigen Getiers?! - eine leicht zu bedienende Einnahmequelle auftut.Da gibt es die Agentur „Romeo meets Julija“, die sogenannte Liebestouren für westliche Junggesellen arrangiert, bei denen diese die angeblich so schönen und anschmiegsamen ukrainischen Frauen kennenlernen können. Eheschließung nicht ausgeschlossen. Hier nun wirbt die 35-jährige Jeva als „glitzernder Köder der Agentur“ auf der Webseite, nachdem man sie für diese lukrative Arbeit als Lockmittel der Braut-Industrie geködert hat. Mit ihrer Schönheit lässt sie so manchen Mann ins Schwärmen geraten, dabei ist sie selbst völlig asexuell. Einschlägige Versuche hatten ihr nur Langeweile bereitet.Mit der ausführlichen Vorstellung dieser eigenartigen spröden Heldin und ihrer Aktivitäten beginnt Maria Revas Debütroman „Ein Königreich für eine Schnecke“. Die Autorin ist gebürtige Ukrainerin, wuchs aber in Kanada auf, wo sie noch immer lebt. Was sie über Jevas Rettungsmissionen für die sogenannten Endlinge schreibt, strotzt bereits vor skurriler Komik. Richtig herb und oft tief schwarzhumorig aber wird es dann, als die Schilderungen zu den Anstrengungen der Katalogbraut-Industrie in eine ganz spezielle Aktion münden – zur Bloßstellung genau dieses Brauttourismus und seiner frauenfeindlichen Aspekte.Da ködern die Schwestern Nastja und Sol Jeva für die Entführung einiger der Junggesellen, um diese Anbaggerer und vor allem auch die Gebräuche der Agenturen zu entlarven. Die Schwestern wollen mit der schrägen Tat im Übrigen ihre abgetauchte Mutter, eine rabiate Feministin, beeindrucken. Die 13 Männer, die sich zu einer besonderen Bonusveranstaltung anlocken lassen, geben auch brav ihre Handys ab und steigen ins Forschungsmobil. Unter ihnen ist mit Pasha, einem einstigen Auswanderer nach Kanada auch ein gebürtiger Ukrainer, was sich später noch als von einigem Nutzen erweisen soll. Obwohl auch seine Art von Männerhumor immer wieder eher randständig daherkommt.Zwei Aspekte müssen vor Antritt dieser Nachtfahrt noch erwähnt werden. Jeva hatte zuletzt einige herbe Verluste unter ihren Endlingen zu beklagen und dann ist da noch ihr besonderer Schützling „Lefty“, so benannt, weil er ein linksgedrehtes Haus trägt. Vor allem aber: es ist die Nacht vom 23. Februar 2022 und weil Jeva von einem Fortpflanzungspartner für Lefty im Süden des Landes gehört hat, geht die Fahrt mit den erwartungsvollen, gekidnappten Junggesellen Richtung Chersson.Womit das Wohnmobil direkt den aus Russland anrollenden Truppen entgegenfährt, denn am Morgen des 24. Februar 2022 beginnt die brutale russische Invasion! Und mittendrin endet der bis dahin so locker satirische Roman abrupt. Eigentlich. Und tatsächlich war Autorin Maria Reva an diesem Tag ebenso bestürzt wie ratlos. Kann man im Angesicht der ersten furchtbaren Fernsehbilder aus dem überfallenen Land einen solchen Roman fortschreiben?! Doch statt ihn abzubrechen, führt sie ihn als faszinierendes Avantgarde-Stück fort. Ja, sie steigt sogar als Ich-Erzählerin mit ein.Ohnehin gehört grimmiger Humor seit Sowjetzeiten zur Überlebensstrategie der Ukrainer: „Ich habe über eine sogenannte Invasion westlicher Junggesellen in die Ukraine geschrieben, und dann gab es eine echte Invasion.“ Die die Entführten erstmal für eine spannende Inszenierung halten, bis ihnen aufgeht, wie echt die Panzer und die sehr humorlosen russischen Soldaten sind. Nach vielen, teils verrückten Volten mündet diese ebenso witzige wie traurige Satire in bemerkenswerte Erkenntnisse zum Abschluss. Als erstes stellt die sehr junge Nastja fest: „Die Zukunft war ein Luxus gewesen. Die Zukunft existierte nicht mehr.“ Zweitens gelingt tatsächlich die Rettung für Lefty und Artgenossen.Und als Fazit dieses komplexen außergewöhnlichen Romans muss man unwillkürlich an einen legendären Kriegshelden der Weltliteratur denken: da lässt der brave Soldat Schwejk grüßen und rund herum rollen die Russen-Panzer.
# Maria Reva: Ein Königreich für eine Schnecke (aus dem Englischen von Stephan Kleiner); 479 Seiten; dtv Verlag, München; € 26

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)