
MICHA LEWINSKY: „FREUNDE VON FRÜHER“
Bela ist 50, lebt als Aushilfslehrer in Zürich und ist an diesem Tag per Fahrrad unterwegs zu einem besonderen Treffen mit Freunden von früher. In seiner tolpatschigen Art hat er aber nicht daran gedacht, dass dies der 1. Mai ist. Wie er nun auf eine Mai-Demonstration stößt, zwischen die Fronten und sogar in ein kurzes Polizeigewahrsam gerät, das ist der Auftakt zu Micha Lewinskys zweitem Roman „Freunde von früher“. Ich-Erzähler Bela war in jungen Jahren selbst als eine Art bürgerlicher Linker bei solchen Demonstrationen gewesen.Allerdings eher zum Spaß und nicht auf die harte Tour: „Wir fanden uns überzeugend in unserer Überzeugung.“ jatzt jedoch kommt er dadurch zu spät zum Dunch, einem Mittelding von Lunch und Dinner, bei Serdar und Esther in jenem Bürgerhaus in bester Lage, in dem sie einst einige denkwürdige Jahre als Studenten-WG verbrachten. In den 30 Jahren seit damals wohnt nur noch Serdar mit Frau und Kindern in der großen einstigen Wohnung. Zu diesem Treffen sind nun auch die sportliche, etwas spröde Simone sowie Kim gekommen, damals höchst attraktiv und auch als Model tätig. Quasi als Gast wartet außerdem Kaja, Belas Freundin und als gut 20 Jahre Jüngere ein wenig die Außenseiterin der Runde.Das WG-Quartett aus den frühen 90ern hatte seit langem nur selten Kontakt miteinander, jetzt jedoch hat Serdar aus einem besonderen Grund eingeladen: das arg heruntergekommene, aber sehr geräumige Haus steht zum Verkauf. Die Idee Serdars lautet schlicht, nicht ausziehen zu müssen, sondern das Haus gemeinsam zu kaufen und es auch gemeinsam zu bewohnen.Doch kann man einfach an die vermutlich besten Jahre ihres Lebens anknüpfen? Und überhaupt – aus einstigen idealistischen Paradelinken gewissermaßen zum einstigen Gegner überlaufen, dem Kapitalismus? Das setzt intensive Diskussionen frei, bei Bela vor allem aber auch neben vielen Erinnerungen zusätzlich viel Selbstbeschau. Und dann Kajas eher laue Haltung zu der Idee: „Vielleicht ist mein Traum vom gemeinsamen Haus einfach zu alt für sie.“ Bei all der Rückbesinnung, die er durchlebt, erweist sich der konfliktscheue Tolpatsch als hoffnungslos antriebsarm. Dabei war er in seiner Blüte 1999 sogar mal als Regisseur gestartet.So gesetzt wie heute wollte er eigentlich nie werden und nun wird er auch noch von Kajas Mitteilung geschockt, dass sie schwanger sei. Und das Haus mit den Freunden von früher – alles war so toll und hoffnungsfroh (wirklich?!), kann man da als Erwachsener nach 30 Jahren einfach so anknüpfen?Micha Lewinsky erzählt das alles mit viel Ironie und unterschwelligem Wortwitz und natürlich ergibt dieser leichtfüßige Roman des preisgekrönten Drehbuchautors und Filmregisseurs auch eine hervorragende Vorlage für eine Verfilmung.
# Micha Lewinsky: Freunde von früher; 266 Seiten; Diogenes Verlag, Zürich; € 25WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)