
MICHAEL KLEEBERG: „ACHILLES IN TAORMINA“
„Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis“ - das erfindet der vielfach preisgekrönte Autor Michael Kleeberg als Fiktion. Als lebenslanger Fan des vielleicht größten Kultautors des 20. Jahrhunderts will er auch in die letzten Winkel dieses bewegten Künstlerlebens schauen und geht das Abenteuer auf ungewöhnliche Weise an. Kleeberg schreibt eine Art Biografie über – Dr. Michael Kleeberg. Der hier jedoch als naturalisierter Amerikaner deutscher Herkunft seit Jahren als Dozent in Wisconsin lehrt.Nebenher allerdings widmet er sich mit Leidenschaft dem Leben und Werk Hemingways. Nach nunmehr 45 Jahren Recherche stellt er jetzt im Juni 2024 seinen großen Bericht vor. Nur ansatzweise wissenschaftlich – und „auch ich zum Alkoholiker geworden“ - dafür um so mitreißender als fiktiver, international anerkannter Forscher zu „Papa“ Hemingway.Da ist denn schon der Titel „Achilles in Taormina“ romanhaft und der Ich-Erzähler beginnt sich mitten hinein in Heminways Vita. Aus Begegnungen mit Zeitzeugen oder deren Aussagen schöpft er unendlich viele Informationen über den Schriftsteller, so manche seiner Verhaltensweisen und Macken. Ihn interessieren viel mehr als nur die wohlbekannten und oft klischeehaften Mythen über den Kriegsreporter, Großwildjäger und Frauenhelden. Die feinen, oft versteckten oder kaum beachteten Details, die Blicke hinter Fassaden eröffnen. Was machte den zu Alkoholexzessen neigenden Macho wirklich aus, der sich immer wieder selbst beweisen musste?Da wird es spannend und ausgesprochen explizit, wenn Dr. Kleeberg die inzwischen Betagte legendäre Kriegsreporterin Martha Gellhorn in London trifft und die dritte Ehefrau Hemingways kein Blatt vor den Mund nimmt. Quasi als Äquivalent zum verehrten Nobelpreisträger tobt sich Kleeberg selbst in Abwesenheit von Frau und Kind mit Jugendliebe Lynn aufs Heftigste aus. Natürlich trifft er auch Hemingways Söhne und stößt auf interessante Aspekte erotischer Orientierungen. Immer wieder sind es auch Andeutungen oder beiläufige Äußerungen in den Werken des Meisters, die Kleeberg zu neuen Deutungen bringen.Wie jene aus dem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ mit einer winzigen und doch bei näherer Untersuchung überaus realen Vermutung: dass der US-Kriegsbegleiter die Deutschen mochte. Allen voran das deutsche Flieger-As Ernst Udet, im Ersten Weltkrieg höchst erfolgreicher Jagdflieger. Bei den Nazis als Generalluftmeister ins Straucheln geraten und von Carl Zuckmayer als „Des Teufels General“ verewigt. Hemingway ist ihm mit einiger Wahrscheinlichkeit begegnet und das zu mehr als nur einem Besäufnis.Aus allem schlägt der fiktive wie auch der echte Autor immer neue Funken, die dem Bild Hemingways die ein oder andere neue Kontur geben. So manches an diesem exquisit geschriebenen literarischen Feuerwerk ist Spekulation, das aber auf Grundlage intensiver Recherchen mit einem gewissen Wahrscheinlichkeitsgehalt.
# Michael Kleeberg: Achilles in Taormina; 335 Seiten; Penguin Verlag, München; € 28WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)