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NADINE SCHNEIDER: „DAS GUTE LEBEN“
Unerwartet ist Christinas Großmutter Anni mit 75 Jahren an den Folgen einer unbedeutenden Operation gestorben. Nun weilt die Enkelin in deren kleinem Häuschen bei Nürnberg, das sie geerbt hat. Und es kommen viele Erinnerungen auf, denn hier verbrachte sie einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend.
Damit beginnt Nadine Schneiders dritter Roman „Das gute Leben“ und ihre Herkunft aus einer rumäniendeutschen Familie fließt mit prägenden Eindrücken in die komplexe Geschichte dieser Mutter-Tochter-Beziehungen mit ein.
Alle Jahre wieder musste Ich-Erzählerin Christina Oma Anni auf die Fahrt ins sommerlich heiße Rumänien begleiten, um erst das Haus und später das Grab der Urgroßmutter zu besuchen. Die war einst verbittert zurückgeblieben, als Anni Mitte der 60er Jahre nach Deutschland emigrierte.
Ganze 22 Jahre alt war sie da und schwanger von einer flüchtigen Begegnung mit einem Studenten. Vaterlos aufgewachsen, war es ein entbehrungsreiches Leben mit der grimmigen Mutter gewesen. Die hatte es als Rumäniendeutsche, deren Mann sich der Wehrmacht angeschlossen und bei Kriegsende in Österreich geblieben war, nie leicht gehabt.
Für Tochter Anni aber stand spätestens seit dem Wissen um ihre Schwangerschaft fest, dass sie aus dem Dreck in der Provinz dieses totalitären Staates weg wollte: „Kein Kind von mir soll hier leben müssen.“ Und es gab ja den älteren Bruder und andere Verwandte, die bereits in Deutschland lebten.
Das allerdings in beengten Verhältnissen und Anni wird wahrlich nicht mit offenen Armen empfangen. Als dann Alleinerziehende mit der kleinen Helene war das in den 60ern alles andere als leicht und die vielen Härten und Enttäuschungen machen sie ähnlich verschlossen und abweisend wie ihre zurückgebliebene Mutter.
Als sie schließlich beim Versandhaus Quelle in Fürth eine stelle als Packerin bekommt, wird diese Festanstellung und dann auch noch das Häuschen ihres Onkels, das dieser ihr versprochen hatte und tatsächlich vererbte, Symbole für das einst erträumte gute Leben.
Subtil und in vielen schritten versucht Enkelin Christina in der Gegenwart herauszufinden, warum ihre Mutter Helene sie schon im Alter von elf Jahren bei der Oma zurückgelassen hatte, um in die USA auszuwandern. Erst allmählich entfaltet sich dabei dieser Tragik der Wiederholungen, denn auch Annis Tochter nahm reißaus und hinterließ ein Kind.
Dessen Vater hatte sich früh abgesetzt, vor allem aber wirft sie der immer hart arbeitenden Mutter die Lieblosigkeit vor, die ihre Kindheit geprägt hatte. Anni ihrerseits hatte stets still darunter gelitten, dass das Leben für sie durch Helene recht belastet gewesen war.
Da wich Mutterliebe in allen drei Frauengenerationen stumm ertragender, freudloser Pflichterfüllung und zwischen ihnen blieb so viel Unausgesprochenes stehen. Dieses Schweigen füllt die Räume zwischen den Erinnerungen, die hier von melancholischer Sprödigkeit dennoch viel zwischenmenschliche Nähe offenbaren.
Das alles entfaltet sich erst allmählich und in Sprüngen zwischen den Erzählebenen, doch es fesselt durch die überzeugende sehr persönliche Prosa und die großartigen Charakterzeichnungen. Kein leichter Roman, aber eine wunderbar menschliche Lektüre.


# Nadine Schneider: Das gute Leben; 303 Seiten; S. Fischer Verlag, Frankfurt; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)