NELE NEUHAUS: „ALLES WIRD ASCHE“
Der neue Roman von Bestsellerautorin Nele Neuhaus trägt den Titel „Alles wird Asche“ und mit einem Brand in einer Villa und einer Toten beginnt er denn auch in einem Prolog, der neun Wochen vorm Einsetzen des eigentlichen Geschehens liegt. Es ist Fall Nummer 12 für Oliver von Bodenstein vom K II in Hofheim, Main-Taunus-Kreis, und seiner Kollegin Pia Sander. Sie selbst kehrt gerade vorzeitig aus einem Sabbatical zurück, weil sie den Auslandseinsatz an der Seite von Ehemann Christoph in Namibia nicht nur klimamäßig nicht verkraftet hat.Ex-Gatte Henning Kirchhoff holt sie vom Flughafen ab und wird als Forensiker gleich zu einem ungewöhnlichen Todesfall gerufen. Ein bereits seit Tagen vermisster Unternehmer wird im 36. Stockwerk des Rohbaus seines aktuellen Bauprojekts in Frankfurt entdeckt: mit den Füßen an einem Seil hängend und dadurch qualvoll umgekommen. In der Main-Metropole galt dieser Axel Wiesheu als große Nummer, doch nach und nach schält sich heraus, dass er ein selbstherrlicher Kotzbrocken war. Und entgegen seinem Auftreten in prekärer finanzieller Lage. Die Ermittlungen gestalten sich zäh, auch als Kirchoff bestätigt, dass es offenbar Mord war.Zunehmend weitet sich der Fall aus auf die Brinkhoff-Stiftung und den weltweit innovativen Software-Unternehmen von Patrick Brinkhoff. Der Erfinder des genialen ChatBots „StratGDS (Strategic Digital Simulator) ist allerdings vor drei Jahren als Bergsteiger am Mount Everest unter mysteriösen Umständen verstorben – an den Füßen hängend erstickt nach einem Absturz. Vor Ort aber entfaltet sich für die Ermittler ein komplexes Geflecht an Beziehungen, die auch mit dem ersten Toten zu tun haben. Dem bald ein Zweiter folgt, der gewissermaßen aus dem Himmel fällt, ebenfalls aufgehängt an den Füßen und qualvoll erstickt.Beim Brinkhoff-Unternehmen kommt es jetzt zu einem Eklat, von dem gleich mehrere Protagonisten sehr unterschiedlich betroffen sind. Der Firmengründer hatte durch einen nur ihm bekannten Code ausschließen wollen, dass StratGDS mit seinem weltbewegenden Möglichkeiten auch militärisch genutzt werden könnte. Nun aber war es gelungen, die Software so entscheidend zu modifizieren, dass das Pentagon mit einem Milliarden-Deal winkte. Den jedoch Brinkhoff-Tochter Geraldine im Sinne ihres Vaters platzen lässt. Mit der Folge eines wahren Absturzes der Aktien.Doch dies ist kein Technik-Thriller und die umstrittenen Möglichkeiten der KI beschränken sich thematisch auf die wesentlichen, allgemein verständlich verständlichen Konturen von StratGDS. Stattdessen widmet sich die gewohnt breit erzählte Geschichte ganz maßgeblich den persönlichen und kriminellen Verflechtungen des Falles. Da eröffnet sich ein ganzes Bündel von Handlungssträngen mit anfangs schwer zu durchschauenden Beziehungen. So manches dunkle Geheimnis und alte Wunden wirken da hinein und sorgen für Spannung und immer wieder überraschende Wendungen.Und wenn dann vor allem das Privatleben von Pia Sander einigen Raum bekommt, ist das nicht nur sehr gekonnt eingebaut, es bereichert den Roman auch, wenn er nun zunehmend Sogwirkung entwickelt. Ohnehin ist dies zwar ein ausführlich erzählter Krimi, aber auch ein Gesellschaftsroman auf der Höhe unserer Zeit. Ansonsten aber sei von diesem souveränen Stück Spannungsliteratur nur noch verraten, dass alles auf ein fesselndes Finale mit spektakulären filmreifen Szenen hinausläuft.
# Nele Neuhaus. Alles wird Asche; 557 Seiten; Ullstein Verlag, Berlin; € 26WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)