
GISELA GRAICHEN/MATTHIAS WEMHOFF: “DSCHINGIS KHAN“
Vom verfolgten halbwaisen Hirtenjungen Temüdschin arbeitete er sich hoch bis zum Gründer des größten Landreichs der Geschichte; Dschingis Khan (ca 1162-1227), was frei übersetzt „der ozeangleiche Herrscher“ heißt. Wenn er jedoch der historisch mächtigste Potentat war, der je über eine solch riesige Landmasse herrschte, warum kennt man ihn im Westen am ehesten als vorübergehende wilde Erscheinung mit seinen blutrünstigen Reiterheeren, die zwar unzählige Opfer und verwüstete Städte hinterließen, im 13. Jahrhundert dann aber wieder gen Asien verschwanden?Diesen vielen unzulänglichen und viel zu kurz greifenden Darstellungen tritt jetzt eine Biografie des rätselhaften Eroberers entgegen, die eine sehr andere, dabei aber fundierte Geschichte erzählt. „Dschingis Khan. Der Fürst des Unermesslichen“ haben die Wissenschaftsjournalistin Gisela Graichen und Matthias Wemhoff, Landesarchäologe und Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, sie überschrieben.Fast wie ein Abenteuerroman liest sich manches von dem, was in großen Teilen auf der inzwischen als Quellenwerk anerkannten Überlieferung der „Geheimen Geschichte der Mongolen“ basiert. Wie der ebenso clevere wie gnadenlose Nomadenanführer einen Mongolenstamm nach dem anderen entweder sich unterwarf oder ausrottete, machte ihn schließlich 1206 zu einer Art Reichseiniger. Mit eiserner Hand und zugleich hoher Intelligenz ernannt als oberster Khan aller Mongolen, ging er dann auf endlose Eroberungszüge und eroberte sich ein Reich, das sich bereits zu seinen Lebzeiten vom Pazifik bis zum Kaspischen Meer erstreckte. Sein Siegeszug beruhte einerseits auf den Reiterheeren, einer bestialischen mordlüsternen Höllenbrut, die höchst effektiv agierte.Ihre überragende Waffe waren die Epoxid-Bögen, mit denen sie selbst den englischen Langbogen überlegen waren. Der unaufhaltsame Erfolg beruhte allerdings insbesondere auf den strategischen und taktischen Finessen vor allem Dschingis Khans selbst. Wobei die Verbreitung der Furcht vor den apokalyptischen Verheerungen explizite Kriegstaktik war.Doch wie konnte sich dieses Mongolenreich über 200 Jahre lang halten und damit länger als die Reiche Alexanders oder Napoleons? Der entscheidende Grund waren die zwei Gesichter Dschingis Khans, der eben nicht nur ein unwiderstehlicher Kriegsherr war.Was meist übersehen wird bei dem kriegerischen Wüten der Mongolen: Dschingis Khan schuf mit seinem Imperium einen erstaunlich modernen Staat. Den er als Staatenlenker zu einer inneren „Pax Mongolica“ formte samt funktionierender Verwaltung und Rechtsordnung. Dazu ließ der selbst schriftunkundige Herrscher eigene eine Schrift entwickeln und er führte sogar Papiergeld ein. In Dschingis Khans Vielvölkerstaat herrschte im Übrigen eine neben großer Religionsfreiheit ein grandiose Prachtentfaltung.Und dieses durch unzählige Eroberungszüge geformte Riesenreich zerfiel keineswegs, als der geniale – in seiner ursprünglichen Heimat noch heute hochverehrte - Herrscher 1227 starb. Ganz im Gegenteil: seine Nachfahren erst wurde die legendenumwobenen Mordbrenner, die als schier unbesiegbare Reiterheere ganze Ritterheere und Armeen auslöschten, als sie schließlich auch nach Mitteleuropa einfielen.Die Autoren machen deutlich, in welch tödlicher Gefahr das mittelalterliche christliche Abendland war, das da überrollt wurde. Bis fast vor Berlin und Wien und nach Dalmatien waren sie bereits vorgedrungen, als sie 1241/42 aus bis heute nur schwer nachzuvollziehenden Gründen plötzlich den Rückzug nach Osten antraten. Die spannende Biografie, die zugleich ein fundiertes historisches Sachbuch ist, beschreibt dann auch, welche Auswirkung für die künftige Entwicklung Europas die Mongolenstürme hatten. Fazit: eine eminent wichtige Erweiterung des Bildes vom Mythos Dschingis Khan und seines Wirkens.
# Gisela Graichen/Matthias Wemhoff: Dschingis Khan. Der Fürst des Unermesslichen; 288 seiten, div. Abb, Klappenbroschur; Propyläen Verlag, Berlin; € 22
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)