- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Biografien
- Zugriffe: 226

HOWARD CARPENDALE: „UNERWARTET. MEIN LEBEN“
Was kann man wohl erwarten von der Autobiografie eines „Schlager-Fuzzis“, selbst wenn der zu den ganz erfolgreichen gehört? Howard Carpendale hat seine nun vorgelegt und der Titel heißt nicht nur „Unerwartet“ - diese Memoiren überraschen wirklich sehr positiv.
Von Selbstbeweihräucherung oder Selbstmitleid bei der Schilderung von Lebenskrisen sind diese sehr offenen und teils auch recht privaten Erinnerungen erfreulich frei. Eher wie man guten Freunden von seinem Leben berichtet, hört sich das an, und der Entertainer tat gut daran, sich für die Umsetzung die erfahrene Buchautorin Sabine Eichhorst hinzuzuholen.
Am 14. Januar 1946 im südafrikanischen Durban als jüngstes Kind einer fünfköpfigen Mittelstandsfamilie des britischstämmigen Bevölkerungsteils geboren, wuchs er in harmonischen Verhältnissen auf. Zwar schildert Carpendale eine kurze heikle Episode, in der ein Bekannter der Eltern den Zehnjährigen sexuell missbrauchte. Doch offenbar war das verstörende Erlebnis nicht so gravierend, dass es traumatische Folgen fürs Leben gehabt hätte.
Ansonsten durchlebte Carpendale eine normale Jugend mit viel Sport und bald auch ersten Auftritten als Sänger. Bereits 1963 nahm der Elvis-Fan mit „Endless Sleep“ (Original: Jody Reynolds) seine erste Single auf. Das Ende seiner Jugend bescherte ihm dann wirklich eine Leidenszeit: als „lausiger Soldat“.
1966 aber der Sprung in ein ganz anderes Leben mit dem Traum einer Musikkarriere. Natürlich war es naiv zu glauben, dass man in London im Fieber der blühenden Beat-Music ausgerechnet auf Einen von außerhalb gewartet hatte. Da las er in der Musikzeitung „Melody Maker“ von einer Band, die einen Sänger suchte. Er meldete sich und landete – in Deutschland!
Vor allem die drei Monate im Beatschuppen der legendären Meta im ostfriesischen Norddeich besorgten ihm gewissermaßen ein deutsches Standing.
Als die Band zerbrach, ging er unerschrocken nach Köln zur Electrola – das war schließlich die Tochterfirma der Beatles-Company EMI – und legte ein paar Demos vor. Prompt ließ man ihn mit Paul Kuhn im Studio „Lebenslänglich“ aufnehmen und die Single verkaufte sich Ende 1966 tatsächlich 60.000 mal.
In Deutschland war allerdings Schlager angesagt und Carpendale kämpfte später des öfteren mit deren Anspruchslosigkeit. Doch der Erfolg war beträchtlich und nach Auftritten in der neuen ZDF-Hitparade gewann Carpendale mit „Das schöne Mädchen von Seite 1“ 1970 sogar den Deutschen Schlagerwettbewerb.
Doch trotz der markanten Stimme und dem unverwechselbaren südafrikanischen Akzent gab es dann auch Durchhänger. Seit Anfang der 70er Jahre mit Claudia verheiratet, bescheinigte die ihm nicht nur – hier als Statement eingefügt – viel Charisma. Sie gab ihm auch wertvolle Tipps und Carpendale setzte durch, eigene Songs selbst zu produzieren.
Mit Riesenerfolgen wie „Deine Spuren im Sand“. Privat dagegen geriet einiges durcheinander und in einer Ehekrise lernte er in den USA Donnice kennen, seine große Liebe. Mit der gab es zwar lange Zeit erhebliche wegen Alkohol, die beiden Frauen aber blieben wichtige Partnerinnen in seinem Leben.
Spannend jedoch auch seine Krisen, nachdem er 2003 seinen Rücktritt erklärt hatte. Die steigerten sich bis in derartige Depressionen, dass ihm ein Psychotherapeut unverblümt eröffnete: „Wenn du nicht auf die Bühne zurückkehrst, wirst du nicht mehr lange leben.“
Und das Comeback, das er wie zuvor den Rücktritt in Johannes B. Kerners Talk-Show erklärte, wurde fulminant mit erneut ausverkauften Hallen. Woran selbst die Corona-Pandemie nicht viel änderte, denn danach machte der jetzt 79-Jährige einfach weiter.
„Unerwartet“ lautet der Titel der Memoiren und das trifft es bis ins Schlusskapitel, das für einen Künstler der leichten Branche und obendrein Ausländer ungewöhnlich politisch ist. Ganz entschieden wendet er sich da gegen die rechtsextremen Tendenzen in unserem Land. Noch heftiger aber fällt die Kritik an den USA und dessen Wandlungen nicht erst seit Trump aus: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, in einem undemokratischen System aufzuwachsen.“
Fazit: eine Autobiografie, die weitaus interessanter und seriöser ist, als erwartet. Das und die vielen Einblicke in die deutsche Unterhaltungswelt der letzten über 50 Jahre einschließlich einer Fülle von Fotos machen dieses Buch nicht nur für Carpendale-Fans zu einem echten Lesevergnügen.
# Howard Carpendale (mit Sabine Eichhorst): Unerwartet. Mein Leben; 316 Seiten, div. Abb.; Heyne Verlag, München; € 25
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
