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LIZA MINELLI: „LIZA“
Als Kind der berühmten Schauspielerin und Sängerin Judy Garland und des hochkarätigen Regisseurs Vincente Minelli in Los Angeles geboren und in Hollywood aufgewachsen, stand Liza Minelli von Geburt an im Blickpunkt der Öffentlichkeit.
Gleichwohl hatte die zum Weltstar aufgestiegen Frühvollendete nie vorgehabt, Memoiren zu schreiben und zu veröffentlichen. Bis zu jenem 27. März 2022, als sie zum 50. Jahrestag des Films „Cabaret“, in dem sie für die Rolle der Sally Bowles mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, zusammen mit Lady Gaga den Gewinner des Besten Films verkünden sollte.
Wegen Rückenproblemen wollte die 76-Jährige dies von einem Regiestuhl aus tun, wurde jedoch aus fadenscheinigen Gründen gezwungen, einen Rollstuhl zu benutzen. Empört über diese Demütigung, beschloss sie noch auf der Heimfahrt, nun doch eine Autobiografie zu schreiben – auch um der Meinungshoheit über ihr Leben willen, über das so viele oft erfundene Geschichten kursierten.
Entstanden ist daraus unter Mithilfe ihre langjährigen Vertrauten Michael Feinstein ein fulminantes Werk unter dem Titel „Lia – Kids, wait till you hear this!“. Und es sei vorweg gesagt: diese Memoiren haben es in sich, denn die in diesem März 80 Jahre alt gewordene Künstlerin hält mit nichts hinterm Berge und selten wohl hat ein Weltstar derartig offen und schonungslos aus sich selbst gegenüber seine Erinnerungen offengelegt.
Das Träumen (und das italienische Ausseehen) habe sie von ihrem Vater Vincente Minelli (1903-1986), den nimmermüden Antrieb aber von ihrer Mutter. Diese Judy Garland (1922-1969) war bereits bei Lizas Geburt ein umjubelter Star, aber auch ein komplexer Mensch mit labiler Psyche. Erst später und durch eigene Probleme erkannte die Tochter den medizinischen Ursprung des unausrottbaren Suchtverhaltens.
Heute kenne man den Auslöser als SUD (Substanzgebrauchsstörung). Während Judy Garland daran früh verstarb, durchlitt Tochter Liza durch SUD-Auswüchse mit Alkohol, Medikamenten und Drogen immer SUD-Auswüchse mit etlichen Abstürzen. Heute erklärt sie stolz, dass sie seit mittlerweile elf Jahren „trocken“ sei.
Trotz dieser Probleme, die maßgeblich mit zu Tiefen beitrugen, erklomm Liza Minelli schon früh ungeahnte Höhen. Und stellte die weltberühmte Mutter mit ihrem Gesangs- und Schauspieltalent bald in den Schatten. Mit 19 Jahren wuirde sie die jüngste Gewinnerin des Tony-Awards und 1990 war sie mit eben 44 die jüngste EGOT-Preisträgerin, also von Emmy, Grammy, Oscar und Tony.
Legendär aber ist auch das äußerst bewegte und oft chaotische Liebesleben des Stars und davon erzählt sie ebenso sehr persönlich wie explizit, egal, wie peinlich oder schlichtweg verrückt manche dieser Eskapaden auch waren. Eine unglaubliche Triole passierte da 1973, als sie gleich mit zwei Männern verlobt war – zugleich aber noch verheiratet mit Ehemann Nummer 1!
Den erwischte sie – trotz intensiven gemeinsamen Sexlebens – mit einem Mann im Bett. Auch ein weiterer Ehemann erwies sich schließlich als nicht so ganz heterosexuell. Der absolute Fehlgriff aber unterlief ihr mit Gatten Nummer 4, dem Aufschneider David Gest.
Sie war 56, als er sie aus einem Stimmungsloch holte und bei der pompösen Hochzeit waren keine Geringeren als Elizabeth Taylor und Michael Jackson die Trauzeugen. Schon Monate später folgte jedoch ein Rosenkrieg bis zur Scheidung, denn der windige Kerl versuchte, sie ganz massiv abzuzocken.
All das eröffnet Liza Minelli mit entwaffnender Ehrlichkeit und lässt so manches Mal erheblich staunen. Schließlich bescheinigt ihr Co-Autor Feinstein ein italienisches Temperament und sie selbst bekennt sich zu einem intensiven Liebesleben: „in vollen Zügen gelebt und genossen.“
Erfreulicherweise geht sie aber auch bezüglich ihrer Arbeit ins Detail und eröffnet so manchen spannenden Einblick, sie es bei der Bühnenarbeit, sei es an Filmsets. Wobei besonders „Cabaret“ als früher Höhepunkt ihrer Karriere höchst Interessantes offenbart.
Fazit: diese Autobiografie ist einzigartig in ihrer bewegten Vielfalt und bietet nicht nur hinreißenden Lesestoff für alle Freunde von Star-Memoiren – Liza Minellis Leben ist ein üppiger Roman mit gleich etlichen Stoffen für ganze Hollywood-Filme.


# Liza Minelli: Liza – Kids, wait till you hear this! (aus dem Amerikanischen von Marlene Fleißing, Carla Hegerl, Moritz Langer, Oliver Lingner und Sabine Reinhardus); 522 Seiten, div. Abb.; Heyne Verlag, München; € 26

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)