0082austin 

MARY AUSTIN: „FREDDIE MERCURY – EIN LEBEN IN SONGS“
Mary Austin war 19 Jahre alt und Boutique-Verkäuferin, als sie 1970 Frederick Bulsara kennenlernte, der sich später Freddie Mercury nannte und ein Weltstar wurde. Wie sie ein Paar wurden, wie er als Frontmann der Rockband „Queen“ aufstieg und die Beiden bis zu seinem frühen Tod trotz des Endes ihrer Paarbeziehung engste Vertraute blieben, das erzählt die jetzt 75-Jährige pünktlich zum 80. Geburtstag des großen Künstlers in einem großartigen Textbildband unter dem Titel „Freddie Mercury – Ein Leben in Songs“.Vorab sei unbedingt auf eine Verlagsnote hingewiesen: „Mary Austin beansprucht das Urheberpersönlichkeitsrecht, als Autorin dieses Werkes anerkannt zu werden.“ Und das ganz offensichtlich zu recht, denn Freddie Mercury wird hier zwar offiziell als Autor genannt, ist genau dies jedoch nicht im Wortsinne. Er ist hier insofern die Hauptperson, als dass es seine Songtexte, Fragmente und grafische Beigaben sind, anhand derer eine sehr eigene Art von Biografie geschildert wird, an der die Autorin des Buchtextes intensiven und teils auch eminent wichtigen Anteil hatte.Unprätendiös und sehr persönlich – ohne je zu persönlich zu werden – beschreibt sie jeweils unter seinem Songtitel das Entstehung ihrer Beziehung und Mercurys Werdegang zum Songschreiber und charismatischen Rockstar. Als sie im Juni 1970 gemeinsam eine winzige Wohnung bezogen, nähte Freddie dafür eigenhändig Kissen. Dass er ständig Songs schrieb, hielt sie anfangs sogar nur für ein Hobby, bis sie seine Intensität damit allmählich ebenso überzeugte wie sein Drang, als Musiker Karriere zu machen. Was dabei fortlaufend und immer mehr entstand, bliebt zum Glück weitgehend erhalten.Entdeckt hat es Mary Austin erst, als sie 2022 Hinterlassenschaften wie Möbel und Kunstwerke aus Mercurys letztem Wohnsitz für Auktionen ausräumte. Diese „Garden Lodge“ in Kensington/London hatte Mercury 1980 erworben und es nach eigenen Vorstellungen umgebaut. In dieses Refudium zog er 1986 endgültig ein und er sei dort „richtig glücklich“ gewesen, so Austin. Zugleich war seine Beziehung zu ihr, die bis zu seinem Tod im November 1991 seine persönliche Assistentin blieb, so innig, dass er ihr die Immobilie sowie die Tantiemen an etlichen seiner Songs vererbte. Bei der Ausräumung fand Mary auf dem Dachboden Schachteln mit Kladden, Notizheften und einzelnen Blättern mit unzähligen der oft in ihrer Gegenwart entworfenen und ausgefeilten Songs.Hier beginnt ihre Schilderung nun mit „My fairy King“, in dem auch eine „Mother Mercury“ vorkommt – bald dann auch sein Künstlername. Immer wieder sind die Blätter auch mit allerlei Zeichnungen angereichert, denn der studierte Grafiker zeichnete und malte sein Leben lang. In einem besonderen roten Notizbuch fand Mary auch Fragmente, die nie zu Songs wurden. Um so spannender und aufschlussreicher dann der Text zu „Seven Seas of Rhye“ - erster Hit der nun als „Queen“ aufstrebenden Band. Da hatte Freddie ihr zu Weihnachten 1973 bereits einen Ring kredenzt und sie offiziell gefragt: „Willst du mich heiraten?“. Woraufhin er allerdings das rätselhafte Lied „Lily of the Valley“ schrieb, bei dem Mary erst viel später klar wurde, dass er darin bereits die Konflikte über seine sexuelle Orientierung andeutete, die in ihm tobten.Dann aber der erste Schritt zu etwas ganz Großem, als er nach langer Suche das passende Klavier für sich fand: seinen geliebten Yamaha G2 Mignonflügel. Und nun folgt die faszinierendste Passage des gesamten Buches: über die „Bohemian Rhapsody“. Die übrigens gemäß einem Textblatt zunächst „Mongolian Rhapsody“ heißen sollte.Als Augen- und Ohrenzeugin schildert Mary Austion hier der Nachwelt mit vielen intimen Einblicken die Schöpfung eines der genialsten Werke der jüngeren Musikgeschichte. Sämtliche Manuskripte sind erhalten geblieben und abgebildet mit all der Detailliertheit und all den präzisen Verfeinerungen. Auf Blättern eines Kalenderblocks der British Midland Airways (bei denen sein Vater arbeitete) erwuchs aus dem, was Freddie lange mit sich herumgetragen hatte, jener Kultsong, der ab Weihnachten 1975 seinen Siegeszug um die Welt antrat.Mary weist auch auf verworfene Textfragmente hin und wie aus dem opernhaften Teil, der eigentlich nur als Gimmick gedacht war, das herausragende zentrale Element wurde. Während Queen und der außergewöhnliche Künstler an ihrer Spitze zu Weltruhm gelangte, blieb die Beziehung der Verlobten jedoch auf der Strecke. Als der hoch sensible Freddie ihr Anfang 1977 endlich eingestand, er sei bisexuell, erwiderte si ganz direkt: „Nein, du bist schwul.“ Doch der bald auch räumlich vollzogenen Trennung blieben sie so eng miteinander verbunden, dass sie ihn auf den meisten Tourneen als Assistentin für Hintergrundarbeiten begleitete.Und schließlich stellte Freddie sogar seinen geliebten Yamaha G2 in ihre nahegelegene Wohnung, um dort weiterhin in Ruhe Songs zu schreiben. Von denen hier nun weitere als Lebenslinien aufgeführt werden. Gerade auch entlang der letzten Jahre, als nur Mercury und die Band wussten, dass er an Aids erkrankt war, er zwar nicht mehr live auftreten konnte, jedoch unermüdlich weiter kreativ blieb. Die „Garden Lodge“ blieb bis zuletzt sein Zuhause und noch einmal widmete sich Mercury einem Song mit ähnlich ausgereifter Hingabe wie „Bohemian Rhapsody“: das war 1987 „Barcelona“, für jenes glanzvolle Duett mit Montserat Caballé.Als der große Katzenfreund und geniale Musiker im November 191 verstarb, hatte Mary längst ihr Büro in seinem geliebten Refudium und war ständig bei ihm. - Dieses hinreißende Kompendium nun porträtiert Freddie Mercury als einzigartigen Künstler aus dem persönlichsten Blickwinkel überhaupt. Und nicht nur die vielen, oft sehr privaten Fotos machen ihn auch für jene noch sympathischer, die außer Musik und bewegten Bildern nur die ein andere quasi von außen geschriebene Biografie kannte.
# Mary Austin: Freddie Mercury – Ein Leben in Songs (aus dem Englischen von Cornelisu Hartz); 318 Seiten, div. Abb., Mittelformat; C. H. Beck Verlag, München; € 38

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)