- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Biografien
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PETER STEPHAN: „FRIEDRICH I. - DIE ERFINDUNG PREUßENS“
Preußen erwuchs aus bescheidenen Verhältnissen bis zu einer der europäischen Großmächte. Am Anfang stand Friedrich Wilhelm von Brandenburg, wegen seiner Verdienste der Große Kurfürst genannt. Dann sorgte der sogenannte Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. dafür, dass das kleine Königreich zu militärischer Stärke gelangte.
Dass darauf mit Friedrich II. schließlich „der Große“ folgte, der nicht nur durch seine siegreichen Kriege den Platz Preußens unter den Mächtigen in Europa eroberte, ist allgemein bekannte Geschichte. Aber – fehlt in dieser Aufzählung nicht einer, und zwar ausgerechnet jener, der aus dem diffusen Staatsgebilde überhaupt erst ein Königtum schuf?!
Es war der Sohn des Großen Kurfürsten und Vater des Soldatenkönigs, 1657 als Prinz geboren, aber niemals als Thronfolger vorgesehen und auf den Namen Friedrich getauft. 1674 wurde er gleichwohl wider Erwarten wegen des frühen Todes seines Bruders dessen Nachfolger. Und er wurde als Friedrich I. im Jahr 1701 der erste preußische König.
Dass er dennoch von der Geschichtsschreibung so unbeachtet blieb, hat vor allem den Grund, dass er insbesondere von seinem alles überstrahlenden Enkel in mehreren schriftlichen Veröffentlichungen quasi ins Aus geschrieben wurde als ein Herrscher, dem „mehr am blendenden Glanz als am Nützlichen“ gelegen war.
Doch es gibt gute Gründe, das bis in die Gegenwart aufrecht erhaltene Bild dieses Monarchen einer Revision zu unterziehen. Und die hat nun Peter Stephan mit seiner Biografie „Friedrich I. - Die Erfindung Preußens“ vorgenommen.
Der Professor für Kunstgeschichte und Architekturtheorie erfasst dabei gerade auch jenen Aspekt gründlich, den Sohn, Enkel und zahlreiche Historiker diesem Monarchen als negativ zur Last legten: die Prachtentfaltung des jungen Königreichs durch spektakuläre Bautätigkeit.
Zunächst jedoch beschreibt Stephan den Werdegang Friedrichs, der von Geburt an vom Schicksal nicht eben begünstigt worden war. Ohnehin als schwächliches Kind nur mühsam durchgekommen, erlitt er ganz früh irreparable Missbildungen, als ihn eine Amme fallen ließ und dies verheimlichte.
Zeitlebens litt der sowieso schmächtige, eher kunstsinnige und sprachbegabte Friedrich fortan unter Behinderungen, die ihm im Volksmund den Spitznamen „der schiefe Fritz“ einbrachten. Um so spannender dann der Weg des unerwartet zum Thronfolger gewordenen brandenburgischen Kurfürsten, der er 1688 nach dem Tod des Vaters wurde, bis zur Königswürde.
Für die er einen planmäßigen und intensiv verfolgten Plan in gang setzte. Sein „großer Entwurf“, wie er ihn selbst nannte, war ein kompliziertes Unterfangen. In einem von fortwährenden Kriegen überzogenen Europa war das spätere Preußen noch ein diffuses schwächliches Staatsgebilde aus einer Vielzahl großenteils nicht zusammenhängender Territorien.
Vom 30-jährigen Krieg schwer gebeutelt, gelang Friedrich das zähe Werk auch durch das einzige Verdienst, das ihm Enkel Friedrich II. tatsächlich zusprach: „dass er seinen Landen immer den Frieden erhalten hat, während die Nachbarn vom Krieg verwüstet wurden.“
Am 18. Januar 1701 schließlich war der große Tag, auf den der Kurfürst mit Zähigkeit und viel diplomatischen Geschick hingearbeitet hatte: in der preußischen Hauptstadt Königsberg krönte er sich selbst zu Friedrich I., König in Preußen. Und dieses Königtum war gewissermaßen seine Erfindung und aus heutiger Sicht gilt die historische Tatsache: ohne Friedrich I. kein Königreich Preußen, keine deutsche Hauptstadt Berlin.
Die er als ein „Herrscher als Bauherr“ zu einer des Titels würdigen Metropole aufbauen ließ, allen voran mit dem prachtvollen Umbau des Berliner Schlosses durch seinen Baumeister Andreas Schlüter. Doch der erste König Preußens hinterließ nicht nur berühmte Denkmäler wie das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, das Schloss Charlottenburg und die beiden Dome auf dem Gendarmenmarkt.
Friedrich I. war ein moderner und weitsichtiger Monarch, der seinem Königreich Institutionen mit späterem Weltruf hinterließ wie die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften und der Preußischen Akademie der Künste. Seine Regierungszeit wurde eine der reichsten der brandenburgischen Kulturgeschichte.
Privat allerdings erlebte der Mann, den die Geschichtsschreibung entgegen seiner maßgeblichen Weichenstellungen so lange so stiefmütterlich behandelte, weit mehr Tiefen als Höhen. Als er 1713 mit erst 55 Jahren starb, war er ein müder, kranker Mann.
Fazit: exzellent geschrieben und wissenschaftlich fundiert, ist dies eine hervorragend gelungene Revision einer verkannten Herrscherpersönlichkeit und eine unverzichtbare Ergänzung der Geschichtsschreibung zum Phänomen Preußen.
# Peter Stephan: Friedrich I. - Die Erfindung Preußens. Eine Biographie; 393 Seiten, div. Abb.; C. H. Beck Verlag, München; € 34
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
