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TED WIDMER (Hrsg.): „PAUL McCARTNEY. WINGS“
Am 22. September 1969 teilte John Lennon den anderen drei Beatles mit, dass er „die Scheidung“ wolle. Als das Ende der erfolgreichsten Band der Musikgeschichte am 10. Apirl 1970 durch ein Interview Paul McCartneys offiziell wurde, stellte sich für alle vier Musiker die Frage: wie ist es, ein Ex-Beatle zu sein?
Die größte Herausforderung an alle Erwartungen betraf naturgemäß das legendäre Songwriter-Duo Lennon/McCartney. Beide stützten sich bei der Umorientierung auf ihre Ehefrauen. Doch während John mit Yoko Ono sich außer neuen Musikprojekten auch politischen Kampagnen und der Avantgarde-Kunst widmete, zog sich Paul mit Linda erst einmal ganz zurück.
Mit ihren Kindern übersiedelten sie auf die alte heruntergekommene „High Park Farm“, eine 75 Hektar große Schaffarm auf der schottischen Halbinsel Kintyre. Ein sehr abgelegenes Refugium und ideal, um sich die Wunden zu lecken. Paul und Linda und Baby Mary fühlten sich zwar wohl, dennoch fehlte etwas.
Der kreative Paul schrieb ja weiterhin ständig neue Songs und er sehnte sich danach, wieder vor einem richtigen Publikum zu spielen – als Beatles hatten sie das zuletzt 1966 getan. Nach dem Solo-Album „McCartney“ und dem gemeinsam mit Linda eingespielten Album „Ram“ entstand schließlich das Band-Projekt „The Wings“.
Diese Anfänge und die außergewöhnliche Band-Geschichte sind nun in ein einzigartiges Buch unter dem Titel „Paul McCartney. Wings“ eingeflossen und das erzählt „Die Geschichte einer Band on the Run“, so der Untertitel. Als Herausgeber fungiert dafür kein Geringerer als Ted Widmer, Harvard-Professor für Geschichte und selbst nicht nur Musiker sondern für eine Jahre auch Redenschreiber für US-Präsident Bill Clinton.
Widmer nennt das stark autobiografische Werk eine Oral History, eine Geschichte in Interviews. Paul McCartney steuert zwar das Gros der Erinnerungen und Interviews bei, doch es sind auch sehr viele Stimmen von Familienmitgliedern und Zeitzeugen eingeflossen.
Unterstützt wird die runde und ausgesprochen fesselnde Chronik der Wings als eine der prägendsten Musikgruppen der 70er Jahre – in denen sich Paul „als Künstler neu erfand“ - von einer atemberaubenden Fülle von Fotos. Viele davon sind hier erstmals veröffentlicht und sie zeigen neben viel Privatem auch spannende Einblicke in das Bandleben.
Das damit begann, dass Paul den Ex-Moody-Blues-Gitarristen Denny Laine und weitere – später häufig wechselnde Musiker – auf der Farm versammelte. Um dann mit einer der schrägsten Episoden der Rock-Geschichte zu starten: im alten Van und samt Kindern und Hund Martha klapperte die neue Band britische Universitäten ab und gab kleine Konzerte für lächerlich billige Tickets.
Zuvor hatte es zur Auflösung der Beatles in den USA auch noch die Gerüchte gegeben, Paul sei tot. Seine belustigte Reaktion, das sei die denkbar beste Publicity: „Ich muss nichts anderes tun, außer am Leben zu bleiben.“ Wozu dann auch der baldige Höhenflug der Wings gehörte mit ungeahnten Erfolgen.
Mit „Live and let die“, 1973 Titelsong des gleichnamigen James-Bond-Films, gewannen sie sogar einen Oscar, während das Album „Band on the Run“ jede Menge Rekorde brach. Und dann machten es McCartney und Laine spektakulär, als sie auf dem Höhepunkt der Punkwelle das krasse Gegenteil produzierten.
Gemeinsame schrieben sie mit „Mull of Kintyre“ eine Art Folk-Hymne, zu der die einheimische Campbelltown Pipe Band in der Scheune der Farm den Dudelsack-Part einspielte. Satte neun Wochen stand der Ohrwurm um Weihnachten 1977 an der Spitze der britischen Charts und verkaufte sich allein im Vereinigten Königreich über zwei Millionen mal.
Die Tourneen, das Familienleben, Studiozeiten, alles liest sich interessant und wirkt durch die vielen verschiedenen Stimmen sehr authentisch. Hinzu kommen aber auch Zeitleisten mit Ereignissen nicht nur aus der Welt der Musik, so dass dieses Buch auch ein gewichtiges Stück Zeitgeschichte erzählt.
Aber auch für diese Band bahnt sich schließlich das Ende an. Schon im Herbst 1979 kriselt es und dann kommt der große Knall mit dem „japanischen Zwischenfall“, wie Paul McCartney es heute, 45 Jahre danach, ziemlich euphemistisch benennt.
Eine Japan-Tournee steht an, sämtliche Konzerte sind mit 100.000 Tickets im Vorfeld ausverkauft und – Paul wird am 16. Januar bei der Einreise verhaftet. Ein Pfund Marihuana hat er im Koffer und in Japan drohen dafür bis zu sieben Jahre Schwerstarbeit.
Es sind heftige Erinnerungen an die neun Tage, die Paul McCartney in völliger Ungewissheit über sein weiteres Schicksal unter Schwerverbrechern im Knast zittern muss. Man lässt schließlich Gnade walten mit dem Weltstar, die Strafe ist dennoch heftig: die Tournee ist geplatzt und das Ende der Band eingeläutet.
Und am 8. Dezember im selben Schicksalsjahr der persönlich ungleich bitterere Schlag: die Ermordung seines fast lebenslangen Freundes John Lennon: „Sie hatten gemeinsam Wunder vollbracht.“
Zu seinem eigenen Leben und der Wings-Epoche aber stellt der Ex-Beatles fest: „Ich hatte meine zweite große Chance.“ Fazit: ein großartiges Buch in Inhalt und Form und man muss nicht einmal ein Beatles- oder McCartney-Fan sein, um hier ein hochinteressantes Lesevergnügen zu finden.


# Ted Widmer (Hrsg.): Paul McCartney. Wings (aus dem Englischen von Conny Lösch); 549 Seiten, div. Abb.;
C. H. Beck Verlag, München; € 44
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)