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TIM BLANNING: „AUGUST DER STARKE“
August II. von Sachsen (1670-1733) war ein Hüne von großer Körperkraft und offenbar auch mächtiger Libido. Von der nicht nur die vermuteten 354 von ihm gezeugten unehelichen Kinder und endlose Reihen teils namhafter Mätressen zeugen.Passt es da, wenn der britische Historiker Tim Blanning eine Biographie zu diesem Barock-Herrscher mit dem Satz einleitet: „August von Sachsen hätte ein glücklicher Mann sein können“? Immerhin gilt der Spross der ältesten und reichsten Fürstenfamilie des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation als großer Förderer der Architektur und der Kultur und er machte seine Residenz Dresden zur schönsten stadt Europas.„August der Starke. Sachsens Sonnenkönig“ hat Blanning, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der University of Cambridge, sein Werk zu dem sächsischen Kurfürsten - und später in Personalunion König von Polen und Großfürst von Litauen – überschrieben. Und er nennt es eine Biographie. Eben hier jedoch gilt es einzuhaken, denn Blanning stellt das Militärische in den Vordergrund, das zwar einen erheblichen Teil von Augusts Regentschaft beherrschte, gerade diesen Monarchen aber nur bedingt ausmachte. August musste mit dem Problem fertig werden, zwischen zwei kriegerischen Mächten agieren zu müssen: Schweden und Russland.Über viele Jahre überzogen sich da der größenwahnsinnige, als Feldherr jedoch geniale König Karl XII. und Zar Peter I. (der Große), der mit offenen Sinnen für Fortschritt das russische Imperium aufbaute, mit neuen kriegerischen Feldzügen. Und August mittendrin, gezwungen als Koalitionär aber mit nichts als militärischen Misserfolgen und politischer Bedeutungslosigkeit. Die vielen Niederlagen gegen den schwedischen Kriegsherrn führten vor allen im Großen Nordischen Krieg zeitweise sogar zum Verlust der erst 1697 erlangten polnischen Krone. Historiker Blanning geht umfangreich und detailliert auf die für August so glücklosen kriegerischen Ereignisse ein. Ein Zustand, der sich erst änderte, als Karl 1709 den Krieg verlor.Immerhin beschreibt Blanning die erstaunliche Resilienz Augusts, der nach jeder Niederlage immer wieder in der Lage war, neue Armeen aufzustellen. Hier kommt ein Umstand zum Tragen, der in viel größerem Maße seinen Sachsen zugute kam: das relativ kleine Land war reich an Bodenschätzen und hatte eine auch dank seiner Manufakturen prosperierende Wirtschaft. Und hier spielte eine für damalige Fürsten seltene Gabe eine wichtige Rolle: August II. verstand sich auf Ökonomie. Zusammen mit seinem Hang zu kulturellen und künstlerischen Genüssen erwies er sich als außerordentlich begabter Förderer der Künste und des Bauwesens.Baumeister und Bildhauer wurden von dem ebenso genusssüchtigen wie kennerischen Monarchen reich belohnt, der sich zugleich damit als ein strahlendes Musterbeispiel eine prunkvollen Barockfürsten gerierte. Mit seinem Sinn für das Schöne und Prächtige ließ er den Dresdner Zwinger, die Frauenkirche und vieles mehr bauen und schuf unter anderem eine grandiose Porzellansammlung. Diese vielen ausgeprägten Aspekte des hedonistischen Lebemanns auf dem sächsisch-polnischen Thron werden in diesem eher biographisch gefärbten Sachbuch so reduziert thematisiert, dass sie entgegen allem, was zu August II. bekannt ist, geradezu zweitrangig erscheinen.Als Standardwerk taugt dieses Werk deshalb nicht, allerdings durchaus als Ergänzung zu namhaften Biographien, um auch die politisch-militärische „Schattenseite“ des royalen Kunst- und Frauenfreundes zu beleuchten.

# Tim Blanning: August der Starke. Sachsens Sonnenkönig (aus dem Englischen von Andreas Nohl); 448 Seiten, div. Abb.; C. H. Beck Verlag, München; € 34WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)