MORRIS/MACFARLANE: „DAS BUCH DER VÖGEL“
Der Mensch bewahrt nur, was er kennt und möglichst auch noch benennen kann und vielleicht sogar liebt. Das war einer der Grundgedanken für Jackie Morris und Robert Macfarlaneals sie „Das Buch der Vögel“ schufen. Die vielfach ausgezeichnete Autorin und Illustratorin und der Naturwissenschaftler hatten einen Bestseller mit „The lost Words“, in dem sie die Verarmung von Sprache thematisierten. Mit dem Vogel-Buch jedoch haben sie sich jedoch weit Dramatischerem zugewandt.Allein in Nordamerika gibt es aktuell drei Millionen Vögel weniger als vor 50 Jahren und auch in Europa ist es immerhin ein Schwund über 500 Millionen. Der Himmel sei leerer und der Frühling stiller geworden und so manche Vogelart einfach nicht mehr existent. Den heutigen Generationen falle das gar nicht auf, denn was nicht mehr da ist, wird auch nicht registriert. Um so wichtiger sei es, die Vögel in den Fokus zurückzuholen und vor ihrem Verschwinden zu warnen.Die britischen Autoren haben dafür allerdings nicht einfach ein Buch über Vogelarten und ihre Gefährdung verfasst. Vielmehr erarbeiteten sie in fast siebenjähriger Arbeit eine Art märchenhaftes Sachbilderbuch. Nicht nur fundierte Fakten sondern auch Mythen und Geschichten sind eingeflossen. Im Vorwort dieses sehr besonderen Handbuchs geben sie einen entscheidenden Hinweis auf die Vorgehensweise dieser Hommage an alle gefiederten Wesen. Die Frage lautet denn auch nicht „Was für ein Vogel ist das?“, schließlich geht es hier nicht um die Identifizierung der Vögel, sondern – darum, sich mit ihnen zu identifizieren.Und diese Frage „Wer ist dieser Vogel?“ durchzieht nun die sieben Kapitel zu den Wundern der Vogelwelt: Nest, Ei, Schnabel, Gesang, Feder, Flug und Vogelzug. Jedem der Kapitel sind sieben Vogelarten zugeordnet, so dass das Kompendium dabei insgesamt 49 Vogel arten ausweist. Das reicht vom Auerhahn bis zum Ziegenmelker und jeder Vogel wird von Jackie Morris mit einer doppelseitigen Illustration vorgestellt – kunstvoll in Aquarell und Gold. Es sind bewusst keine fotorealistischen Bilder sondern ästhetisch reduzierte und zugleich arttypische Darstellungen.Wenn dann die einzelnen Arten textlich begleitet werden, geht auch das mit oft poetischen Zwiesprachen mit dem jeweiligen Vogel einher. Und er wird nicht nur mit seinen besonderen Merkmalen wie als Baumeister oder Marathonflieger, sondern auch solchen Eigenschaften wie dem Gesang gekennzeichnet, der von betörend bis ohrenbetäubend reichen kann. Manches geht bis zu schierer mythologischer Überhöhung wie beim Seeadler als einem Edlen „von gelassener Anmut und brachialer Schönheit, der das Selbstvertrauen, nicht den Hochmut, von zehn Millionen Jahren auf dieser Erde ausstrahlt.“Die Herangehensweise ist durchweg ungewöhnlich, wenn die Vögel gewissermaßen personalisiert sind und die teils eigentümliche Prosa geht bis ins Poetische. Doch ohnehin ist dies trotz einiger Vogeltabellen im Anhang kein Bestimmungsbuch. Stattdessen widmet es sich auf mitreißende Weise dem Charakter und den Besonderheiten dieser 49 allesamt gefährdeten Vogelarten. Und die Autoren verweisen gerade wegen der Gefahr des Verlustes auf die Mahnung der Dichterin Mary Oliver: „Gib acht. Sei erstaunt. Berichte davon.“Als Fazit zu diesem faszinierenden Buch nicht nur für Naturfreunde sei dessen Rückseite zitiert: „Ein Liebesbrief an die Pracht und die Geheimnisse der Vogelwelt – und ein Weckruf, um das Verschwinden der Vögel aus Land, Meer und Himmel aufzuhalten.“
# Jackie Morris & Robert Macfarlane: Das Buch der Vogel (aus dem Englischen von Daniela Seel); 385 Seiten, div. Abb.; Ullstein Verlag, Berlin; € 34WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)