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RICHARD J. EVENAS: „HITLERS KOMPLIZEN“
Die Hauptakteure des Nazi-Regimes und auch die maßgeblichen Unterstützer sind durch vielfältige Untersuchungen bestens bekannt. Um so interessanter nun eine Darstellung des Personengeflechts, das das System des Dritten Reichs erst so möglich machte, wie es zwölf Jahre sein verbrecherisches Unwesen treiben konnte.
„Hitlers Komplizen“ lautet die Überschrift und Autor ist Richard J. Evans, einer der profundesten Kenner der Geschichte vom Aufstieg, dem Wüten und des Endes der Nationalsozialisten. Der Historiker, der viele Jahre insbesondere über deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Cambridge University lehrte, nennt im Untertitel sein Thema: „Helfer und Vollstrecker. Das Dritte Reich in 24 Porträts“.
Bevor sich Evans 18 ausgewählten Männer und fünf Frauen widmet, führt er in die Thematik ein, an deren Beginn ein größeres kompaktes biografisches Essay zu Hitler steht. „In den ersten 30 Jahren seines Lebens war Adolf Hitler ein Niemand“. Allerdings räumt der Experte auf der Grundlage des neuesten Forschungsstandes mit einigen teils vom Führer selbst gestreuten Falschbildern auf.
Dieser Sohn eines Zollbeamten wuchs keinesfalls in ärmlichen sondern gesicherten kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Und es war die Antriebslosigkeit des Möchtegern-Künstlers, die nach dem Tod der Eltern zum sozialen Abstieg führte. Zu den interessantesten Ausführungen über den späteren Hitler als Mann dürfte die entschiedene Aussage des Historikers sein, dass dieser kein asexuelles Wesen war.
Im zweiten teil des Werkes geht es um den engsten Kreis seiner Untergebenen, den sogenannten Paladinen. Evans' Kurzbiografien zu solchen Größen wie Göring, Goebbels oder Himmler sind erhellend, bieten jedoch angesichts umfangreicher Literatur nicht wirklich Neues. Da hebt sich am ehesten die Passage zum schillernden SA-Chef Ernst Röhm ab, der die Machtergreifung ganz wesentlich mit seinen Rüpelhorden ermöglichte oder zumindest beschleunigen half.
Wie er 1934 in der „Nacht der langen Messer“ mit seinem Führungskreis abgeräumt wurde, zeigte die besondere Brutalität von Führer und SS-Chef Himmler, denn für einen angeblichen Staatsstreich der SA gab es keine Anzeichen: „Trotz aller Differenzen war Röhm Hitler stets treu ergeben und glaubte an ihn.“
Die wohl wichtigste Säule des Regimes aber waren die Vollstrecker, allen voran Reinhard Heydrich, der sogenannte Henker. Diese aus wohlhabenden Verhältnissen stammende kalte Bestie nennt Evans „die dämonischste Persönlichkeit der NS-Führungsschicht.“
Im Gegensatz zu ihm der für die „Endlösung der Judenfrage“ äußerst wichtige Bürokrat Adolf Eichmann. Eine bis in die Nachkriegszeit wenig bekannte Führungsfigur, die erst 1960/61 nach seiner Aufdeckung, Entführung und öffentlichem Prozess in Israel in seiner wahren Bedeutung entlarvte Größe als Manager im Holocaust.
So kompetent diese Mini-Biografien auch sind, sie eröffnen nur bedingt gänzlich neue Erkenntnisse. Eines aber macht der Historiker deutlich; bis hin zu den mächtigsten Chargen waren die Führungspersönlichkeiten des NS-Regimes abseits ihrer moralischen Abgründe und unfassbaren Taten keine Verrückten oder Psychopathen.
Einige neue Erkenntnisse liefert dann jedoch Teil 4 „Die Werkzeuge“. Hier sind untergeordnete Täter und Handlanger aufgeführt. Exemplarisch für die zumeist erstaunlich willfährigen Militärs steht hier der General Ritter von Leeb. Als älterer erfahrener Offizier geht der Zweifel an Hitlers militärischem Sachverstand. Die aber waren nach dem Westfeldzug verflogen und auch reihte sich ein in die Reihe der vielen unpolitischen Heerführer, die die lange gepflegte Legende von der ganz und gar „sauberen Wehrmacht“ propagierten.
Ebenso beispielhaft sind aber auch einige Frauen, die sich unter anderem wie die berüchtigte KZ-Aufseherin Irma Grese einen besonders üblen Namen gemacht haben. Und unter ihnen führt Evans auch den größten star auf: die Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl. Als Hitlers Schwarm durfte seine glühende Verehrerin sogar in seinem privaten Dunstkreis verkehren.
Und kein anderes Nicht-Parteimitglied profitierte so stark – und so gezielt – vom System, wie sie. Die im Übrigen wie Albert Speer aus der Riege der Paladine die besonderen Möglichkeiten des Regimes für eine sonst so kaum denkbare Karriere nutzte. Wobei sich der Rüstungsminister auf noch infamere Weise gewinnbringend als naiv Verführter aufführte. Fazit: ein illustres Kompendium, exzellent geschrieben und auf den neuesten wissenschaftlichen Grundlagen basierend.


# Richard J. Evans: Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker. Das Dritte Reich in 24 Porträts (aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt); 780 Seiten, div. SW-Abb.; Deutsche Verlagsanstalt, München; € 40

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)