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ANDREAS BRANDHORST: „MESSIAS“
Die „Eminenz“ ist eine internationale Geheimorganisation für Aktionen jenseits der Gesetze und Nathan gilt als ihr bester Profikiller. Nun will er mit 55 seinen letzten Auftrag erledigen, doch er wird in eine Falle gelockt. Die Eminenz hat ihn verraten und nur haarscharf entgeht er der Eliminierung. Und will Rache.
Doch dies ist der jüngste Roman von Andreas Brandhorst, berühmt für seine atemberaubenden Thriller. So heißt der Titel diesmal „Messias“ und der Prolog vor dem Auftakt mit Nathans Reinfall führt in die Atacama-Wüste zum ELT, dem Extreme Large Teleskope.
Hier arbeitet Jayden Chapman als Chef, dessen Traum seit Kindheitstagen ein sogenannter Erstkontakt ist, die Begegnung mit einem außerirdischen Wesen. Beim ELT entdeckt man nun alarmierende Signale und bald auch Lichterscheinungen bis hin zu einem mysteriösen Gebilde am Copernicus-Krater auf dem Mond.
Und während zwischen den Kapiteln erstmals eine Ein-Satz-Botschaft von Simon auftaucht, die sein Kommen verkündet, geht Nathan auf die Pirsch, um sich an der Eminenz zu rächen. Wobei er jedoch erkennen muss, dass die Organisation nicht nur seine diversen weltweit verteilten Konten aufgelöst sondern auch seine langjährige Partnerin Sierra entführt hat, um sein Schweigen über kompromittierendes Material sicherzustellen.
Derweil eröffnen sich aber ganz andere Dimensionen, als der mysteriöse Simon erstmals öffentlich erscheint. Unauffällig, etwa 45, jedoch mit einer Aura, mit der er beim Auftritt auf dem Petersplatz dem erzkonservativen Papst Pius XIII. lässig die Show stiehlt.
Simon ist nicht nur der Herr der weltweit irritierenden Lichterscheinungen, er ist offenbar sogar zu Wundern fähig. Was er mit der Spontanheilung von Lahmen, Blinden und Tauben publikumswirksam demonstriert. Ganz diskret dagegen erweckt er den Briten Eric nach dessen Suizid per Kopfschuss wieder zum Leben und macht ihn zum 1. Jünger der „Revelation“.
Und er scheint allgehenwärtig zu sein und er erklärt mit freundlicher Sachlichkeit, dass die Bibel lauter Unsinn enthalte und der Koran Blödsinn verkünde. Der Aufruhr unter den Religionsoberhäuptern wie unter den Mächtigen ist gewaltig, zumal sich die Menschen von Simon einfangen lassen und sich wie erlöst der Revelation anschließen.
So stellt ein UNO-Komitee Simon High-Tech-Falle und Jayden Chapman soll ihn hineinlocken. Der Geheimnisvolle aber überwindet sie lächelnd und erwählt den grundehrlichen Chapman zu seinem irdischen Ansprechpartner.
Derweil erlebt Nathan eine überraschende Wende seitens der Eminenz: die entschuldigt sich nicht nur für die unglücklichen Vorkommnisse, sie erteilt ihm sogar einen letzten Auftrag von außerordentlicher Tragweite: „Töten Sie Gott!“
Als solcher wird der offenbar unverwundbare und durch nichts aufzuhaltende Simon inzwischen von vielen eingestuft. Er seinerzeit betört die Massen mit Heilsbotschaften von Frieden und Glück jenseits der bestehenden Systeme und das mit rasant wachsendem Erfolg.
Und immer mehr Ereignisse, allen voran die verschiedenen Fehlversuche, ihn zu bremsen oder gar aus dem Weg zu räumen, steigern das Bild seiner Einzigartigkeit - als Alien, als göttliches Wesen?!
Es sind spektakuläre Wendungen und Nathan hilflos mittendrin, die die Dramatik in eine atemberaubende Zuspitzung treiben. Mehr aber sei von diesem absolut fesselnden Thriller nicht verraten.
Die Krimihandlung ist eher konventionell und auch sonst erwarte man keinen literarischen Höhenflug. Als intelligenter Hochspannungsroman aber bietet „Messias“ beste Unterhaltung. Die im Übrigen durchaus frösteln lässt und nach einer Verfilmung geradezu schreit.


# Andreas Brandhorst: Messias; 572 Seiten; Heyne Verlag, München:; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)