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GARRY DISHER: „ZUFLUCHT“
Sie nennt ich Grace, hat allerdings etliche Identitäten, denn sie ist ständig auf der Flucht. Zuletzt hat sie sich Partner Galt befreit, auf die letale Weise. Und nun sucht die versierte Trickdiebin und Betrügerin ein neues Betätigungsfeld.
Damit setzt Garry Dishers jüngster Krimi ein und es sei vorweg gesagt: so rasant und packend war der australische Großmeister schon lange nicht mehr. Dabei geht es fast gemächlich los, wenn man Einblicke ins Graces Arbeitsweise, ihre grenzenlose Paranoia vorm Entdecktwerden und überhaupt die Welt der Profi-Diebe und Abzocker kennenlernt.
Auf ihrem Weg durch Australien ist sie eben bei einer hochkarätigen Briefmarken-Auktion gelandet. Wobei genau das passiert, was sie immer befürchtet hat: dass Adam dasselbe Ziel hat und sie entdeckt. Abschnittsweise lernt man ihre Vergangenheit als untergepflügte Waisenkinder mit schlimmen Pflegeeltern kennen.
Durch die sie zum Paar wurden und erste Erfahrungen sammelten. Bis Grace – eigentlich Anita – mit 17 Jahren erwischt wurde und sich der Detective Sergeant Galt ihrer „annahm“. Er ergriff Besitz von ihr, in jeder Beziehung, vor allem aber als Ausführende seiner höchst kriminellen Ideen.
Adam hatte er dabei nicht nur verprügeln lassen, Grace hatte ihn dann bei einem Raubzug auch noch eine wertvolle Jaeger-Uhr entwendet. Nun also erneutes Untertauchen, um ihm zu entgehen. Wobei sie in den ländlichen Adeliade Hills im Städtchen Battendorf auf die ideale Zuflucht stößt, auf „Mandels' Collection“, den Antiquitätenladen von Erin Mandel.
Gern nimmt diese Graces kenntnisreiche Dienste an und hat auch ein versteckt liegendes Hinterhaus als Wohnung für die Gehetzte. Während sich sogar eine gewisse Vertrautheit mit Erin entwickelt und ein flüchtiger Gedanke an Sesshaftigkeit auftaucht, tun sich jedoch noch ganz andere Dinge.
In einer Dramaturgie, die sich allmählich ins Schwindelerregende steigert, wechsel das Geschehen zunächst zu Adam. Der steckt durch Schulden bei den Geldhaien in der Falle bei Melodie Pithouse, eiskalte kriminelle Chefin einer angeblichen Privatdetektei.
Deren Abzockerei von Klienten nimmt beängstigende Dimensionen an und Adam als ihr Handlanger gerät entsprechend in größte Gefahr, als die falschen Zielpersonen angegangen werden. Auf ganz anderer Ebene wiederum treibt Brodie Hendren seine ebenso perversen wie kriminellen Spielchen.
Der IT-Experte ist ein mieser, abgetakelter Macho, der Frauen mal rüde behandelt, mal mit versteckten Kameras beobachtet, während er sein Geld mit Nazi-Devotionalien und dergleichen verdient. Was ihn ansonsten jedoch geradezu obsessiv umtreibt ist die Suche nach Ex-Frau Karen, der erst in einem zweiten Befreiungsversuch die Flucht gelungen ist.
Wie sich die einzelnen Stränge – und noch einige weitere parallel – entfalten und mit geradezu zwingender Logik aufeinander zulaufen, das ist brillant komponiert. Und wenn sich schließlich eröffnet, wie hier eine Frau bei einer verschüchterten anderen untertaucht, die selbst aus sehr triftigem Grund untergetaucht ist, dann kann es nur eines geben: ein ebenso dramatisches wie grandioses Finale.
Fazit: im wesentlichen ist dieser Roman ein packendes kriminelles Roadmovie mit hervorragend gezeichneten Charakteren als wahrer Leckerbissen für Freunde hochklassiger Spannungsliteratur. Und natürlich mit dem Siegel „absolut filmreif“.


# Garry Disher: Zuflucht (aus dem Englischen von Peter Torberg); 329 Seiten; Unionsverlag, Zürich; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)