- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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MARC ELSBERG: „EDEN“
„Dieser links-grüne Schundroman gehört wegen geschäftsschädigender Leuteverdummung verboten!“ So ungefähr kann man sich die wütenden Kommentare aus wirtschaftsliberalen wie auch populistischen rechten Kreisen zu Marc Elsbergs jüngstem Roman vorstellen.
„Eden. Wenn das Sterben beginnt“ lautet der Titel und der österreichische Bestsellerautor legt damit einen gewaltigen Öko-Thriller vor. Das Szenario entwickelt sich aus vermeintlich eher regionalen katastrophalen Ereignissen zu einem drohenden globalen Systemkollaps von Klima, Natur und Gesellschaft.
Dabei beginnt es sonnenbeschienen in der Karibik, wo die junge Meeresbiologin Sarah Keller als Studentenjob Tauchfahrten mit Touristen unternimmt. Mit dabei auch Linus Strand, ebenfalls Mitte 20, allerdings ein intelligenter Luftikus, der sich mit Fantasie und Schlagfertigkeit als Influencer mit unablässig laufender Kamera bereits eine große Follower-Gemeinde erarbeitet hat.
Nun passiert jedoch ein an sich unvorstellbarer Vorfall bei der Beobachtung harmloser Walhaie, als plötzlich ein Riesenkalmar aus der tiefe hochschießt, Mit seinen Tentaklen fängt er sich ein Walhai-Junges, aber ein kleinerer Arm packt auch Linus' Bein und der kann sich nur mit Mühe mit dem Tauchmesser befreien.
Sarahs düstere Erkenntnis: wenn Kalmare aus der Tiefsee nach oben kommen, dann nur, weil unten das Nahrungsangebot knapp geworden ist. Während Linus seine Filmaufnahmen ins Netz stellt und sensationell viele Klicks bekommt, kämpft sich in Brasilien eine Journalistin durchs Amazonasgebiet auf der Spur von massiven Folgen der Regenwaldrodungen.
Bevor sie von Schergen der Agrarkonzerne ermordet wird, kann sie ihre Dokumentation über die Versteppung der riesigen Sojabohnenfelder noch raussenden. Sie gelangen zu einem der Hauptakteure, zu Piero Manzano, Hauptfigur in Marc Elsbergs Bestseller „Blackout“ von 2012 und inzwischen als IT-Experte Entwickler und Chef von „Vysyon“.
Mit dieser dieser hochentwickelten KI kann er Entwicklungen von Klimakrise und anderen Krisen der Natur mit einjzigartiger Genauigkeit errechnen. Und die Anzeigen sind nicht nur jede für sich erschreckend, denn sie weisen in ihrer Gesamtsicht auf die sich anbahnende Katastrophe hin: die Kumulation verschiedener finaler Zuspitzungen zu einem akut drohenden Kollaps.
Noch werden die Warnungen als spekulativ angezweifelt, zu weit scheinen das Ausbleiben der Planktonblüte als Bedrohung des marinen Lebens, das völlige Kippen der Triester Bucht mit Millionen toter Fische – zur Oster-Saison! - massive Dürren und viele Einzelereignisse auseinanderzuliegen. Und wo soll es ein Zusammenwirken geben, wenn nicht mal klar ist, wie genau die Horrorzahlen von Vysyon überhaupt zutreffen.
Bei Viktor Brennar und seinen Partnern im diskret agierenden Großkapital aber schrillen die Alarmglocken auf andere Weise: ihre eigene KI für Risikobewertungen läuft Vysyon hinterdrein. Diese globalen Drahtzieher mit den Milliarden spielen jedoch ein ganz anderes Spiel und benötigen punktgenaue Zahlen.
Sie setzen auf Verluste, um Riesengewinnen am Niedergang und Hilfsgeldern zu machen. Da sind die immer genauer zutreffenden Analysen von Vysyon so verlockend, dass Viktor sogar eine Kooperation abschließt. Die ist lukrativ für die Weiterentwicklung und nur Pieros Partnerin Sonja hegt Misstrauen.
Inzwischen hat Linus weitere Videos gedreht und mit unerschütterlicher Chuzpe unter Lebensgefahr Missstände bei insdutriellen Shrimp-Farmen recherchiert. Doch er ist nicht nur der kecke Held mit frechem Humor, der die düsteren Ereignisse bei allem sich anbahnenden Horror unterhaltsam macht – er erfindet „Hippo“.
All die Mahnungen, Warnungen, finsteren wissenschaftliche Erkenntnisse – die wenigsten Menschen wollen sie hören oder gar verstehen, also muss man sie populär rüberbringen. Was er nun mit hinreißend eingängigen Videos aus echten Aufnahmen und dem putzigen animierten Flusspferd „Hippo“ tut.
Mit solch riesigem Erfolg, dass einerseits eine regelrechte Fan-Gemeinde entsteht, er andererseits aber auch zur Bedrohung gewisser Wirtschaftskreise wird. Allen voran für Hedgefond-Jongleure wie Viktor Brennar, dem er ins Gehege wahrhaft infamer Planungen kommt.
Für ihn arbeitet mit der Kommunikations-Designerin Catherine Morris eine eiskalte Hyäne. Sie mobilisiert Aktionen, um Linus und sein Hippo zu diskreditieren und sie definiert die Maxime der Kapitalisten-Partner: „Wenn die Welt untergeht, müssen wir die Rettungsboote verkaufen!“
Zugleich offenbaren sich immer mehr Mechanismen des Wirkens der Abzocker von Big Money und andererseits des Versagens der entweder ignoranten oder gegängelten Politik. Und immer wieder sorgt Linus für lichte Momente mit seinen Hippo-Videos, die mit einfach verständlichen Botschaften glänzen: „Ihr nehmt Euch alles. Und dann wundert Ihr Euch, dass nix mehr da ist.“
Zu den immer wiederkehrenden Höhepunkten gehört zudem das heftige Pro und Contra um das Projekt der KI-Gigafabrik „Phoenix“ in einem Brandenburger Naturschutzgebiet, wo Gier und Dummheit besonders eklatant aufeinanderprallen. Und Linus mittendrin und Brennars Kumpane ziehen schmutzige Fäden.
Mit einer atemberaubenden Dramaturgie mit kurzen Kapiteln und hervorragenden Dialogen treibt das Geschehen auf die von Vysyon gnadenlos herunterprognostizierte Großkatastrophe mit verstörenden Szenarien zu. Das ist von manch komplexen Erläuterungen begleitet, die große Konzentration beim Lesen erfordern.
Marc Elsberg ist es jedoch gelungen, die ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge auch für den Laien verständlich darzubringen. Die hohe Zahl der Akteure und Schauplätze sollte man als grandios komponierte Herausforderung annehmen und bei all den Angriffen auf Vernunft und Notwendigkeiten eines klar erkennen: mit Ideologie hat das alles herzlich wenig zu tun, mit Verantwortungslosigkeit gegenüber den Fakten um so mehr.
Fazit: wo Frank Schätzings „Der Schwarm“ vor Jahren noch ein ScienceFiction-Actionreißer war, ist „Eden“ ein verstörender Roman, der beängstigend real in einer ganz, ganz nahen Zukunft spielt. Klimakrise, Umweltzerstörungen, Artensterben, Ernteausfälle und alles ohne erhobenen Zeigefinger dargebracht – das ist der ultimative Öko-Thriller.
# Marc Elsberg: Eden. Wenn das Sterben beginnt; 766 Seiten; Blanvalet Verlag, München; € 28
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
