- Geschrieben von: Wolfgang A. Niemann
- Kategorie: Belletristik (Roman/Krimi)
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URSULA POZNANSKI: „DAS SIGNAL“
„Ich weiß sofort, dass etwas fehlt.“ Und es ist ein schwerer Schock für die erfolgreiche Innenarchitektin Viola Decker, denn als sie aus dem Koma erwacht, ist von ihrem linken Bein nur ein Teil des Oberschenkels vorhanden.
Damit beginnt Ursula Poznanskis jüngster Roman mit dem Titel „Das Signal“. Die Ärztin erklärt Viola, man habe so weit amputieren müssen, weil die eingestürzte Felsendecke des alten Weinkellers zu viel zerstört gehabt habe. Warum sie überhaupt dort war, daran hat die 35-Jährige keine Erinnerung. Um so quälender aber die Gedanken an die Zukunft mit Ehemann Adam, dem TV-populären Inhaber einer Meinungsforschungsfirma mitten in Wien. Nach sechs Jahre glücklicher Ehe hatten sie gerade erst das alte Landgut außerhalb gekauft, an dem noch sehr vieles zu restaurieren ist.
„Adam ist Perfektionist. Ästhet, wie er selbst sagt – Und nun hat er eine einbeinige Frau.“ Sie war mit ihrer Erscheinung bisher die vollkommene Abrundung in seinem Leben gewesen und jetzt wollte sie endlich auch an Kinder denken.
Sie wusste, dass Adam gern flirtetet: „Aber jetzt fühlte sich das plötzlich viel bedrohlicher an.“ Bis dahin konnten ihre Eifersucht und ihre Sensibilität damit zurechtkommen, doch diese Situation reißt das so gut funktionierende Konstrukt ein. Zumal Adam sich zwar sehr fürsorglich gibt, doch Küsse gibt es jetzt nur noch auf Stirn oder Scheitel.
Wer die vielen Thriller von Ursula Poznanski kennt, wird sich vermutlich über den langsamen Einstieg dieses Romans mit den quälenden Überlegungen der Ich-Erzählerin wundern, denn hier gibt es keine frühe Action und rasante Entwicklungen.
Das aber erinnert an ein Phänomen aus der Hard Rock Musik, wenn Bands viel Rambazamba machen, dann jedoch ihre eine sanfte Ballade zum Kultsong wird (Beispiel: Nazareth und „Dream on“). Ähnliches trifft hier zu, denn „Das Signal“ entwickelt sich trotz fehlender Rasanz und wilder Action umgehend hohe Sogwirkung und bald auch ungemein viel Spannung.
Die baut sich unterschwellig und bald alles beherrschend auf, als Viola gut zwei Wochen später nach Hause kommt. Nicht nur, dass ihr der umtriebige Adam eine Pflegerin der sehr speziellen Art besorgt hat, die sich als kalter kontrollsüchtiger Drachen erweist.
Diese Otilia wacht strikt über Violas Tun und Lassen, ihre Medizin und ihre ersten Bemühungen mit Rollstuhl und Krücken.Adam selbst scheint immer offensichtlicher über seine Aktivitäten und Absichten zu lügen und er isoliert sie sogar von ihren besten Freundinnen Marit und Romy.
Doch Viola ist viel zu selbständig und intelligent, um sich mit diesem teils rätselhaften Abdrängen ins Abseits abzufinden. So macht sie einen entscheidenden Schachzug und besorgt sich heimlich per online Mini-Tracker. Es gelingt ihr, sowohl bei Adam wie auch bei Otilia und später anderen verdächtigen Akteuren einen zu platzieren.
Und bald kann sie per Tablet oder Handy die Zielpersonen verfolgen und vor allem Adam entlarvt sie dadurch als intensiven Lügner. Obendrein versucht er, Viola bei der Ärztin und den Freundinnen als depressiv hinzustellen und ihr sogar eine Bipolare Störung anzuhängen.
Viola kämpft verzweifelt gegen das Joch an, zugleich weiß sie jedoch: „Eigentlich kann sich Adam eine scheidung nicht leisten.“ Sie hatte ihm in einer Krise einen Kredit gewährt und im Zweifelsfall würde die halbe Firma an sie fallen. Zunehmend kommen allerdings ganz andere Verdachtsmomente auf und während sie einerseits per Tracker und Handy Psychospielchen nicht nur mit ihm aufnimmt, verdichtete sich der Befürchtung, dass er an diese Art der Trennung gar nicht denkt.
Zwischendurch muss sich Viola der feindseligen Otilia erwehren und hört dann Empörendes: offenbar ist Marit schwanger von Adam. Doch auch Viola selbst hat ihre Geheimnisse, darunter das eine gravierende um ein verdecktes Vermögen, von dem sie Adam nie erzählt hat.
Und während das vermeintlich hilflose Opfer zunehmend zur Jägerin und Rächerin wird, schält sich eine andere Ebene der aktuellen Verfolgung heraus, die mit einem Glücksgriff in ihrer studentischen Vergangenheit zu tun hat. Da war es ihr trickreich gelungen, einem alten geilen Immobilienhai – quasi als Schmerzensgeld für Übergriffe – einen kleinen Bitcoin-Schatz abzuluchsen. Der inzwischen gewaltig gewachsen ist. Nur sie kennt den sehr kryptischen Code, doch der Alte ist tot und hatte zwei Söhne. Und könnte auch Adam auf ihr wohlgehütetes Geheimnis gestoßen sein? Es entfaltet sich ein atemberaubendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Viola immer mehr Erinnerungen zurückgewinnt, ihr Leben zugleich aber immer greifbarer in Gefahr gerät.
Was hier schließlich in ein packendes Finale führt, ist nicht weniger als das Meisterwerk eines Psychothrillers mit exzellenten Charakterzeichnungen, ebenso raffinierten wie stimmigen Wendungen und einer großartigen Heldin.
Ursula Poznanski: Das Signal; 398 Seiten; Knaur Verlag, München; € 24
WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)
