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JENS STOLTENBERG: „AUF MEINEM POSTEN“
Vater Thorvald, langjähriger Minister in Norwegens Regierungen, hatte Jens Stoltenberg vor dem Posten als Generalsekretär der NATO gewarnt; er werde sich nur langweilen. Wie sehr sich der alte Herr Irrte, belegen nun die Erinnerungen seines Sohnes an die zehnjährige Ägide von 2014 bis 2024.
„Auf meinem Posten. In Kriegszeiten an der Spitze der NATO“ lautet der Titel und Stoltenberg konnte hier fast alles sehr ausführlich und sehr konkret aus Gesprächen und Vorgängen wiedergeben, weil er stets auf eine umfassende Dokumentation während seiner Amtszeit wert gelegt hatte. Zum Inhalt weist er ausdrücklich darauf hin, dies sei „meine Geschichte und deshalb keine objektive Wiedergabe dieser Zeitspanne.“ Doch Stoltenberg fühlt sich der Sachlichkeit verpflichtet, hat sich schon vor dieser Ära als verantwortungsbewusster Ministerpräsident seines Landes bewährt und schreibt in einer wohltuend offenen und nüchternen Weise.
Vor allem aber ist dies „ein Bericht aus erster Hand“. Und den angeblich langweiligen Posten bekleidete der jetzt 66-Jährige während des hitzigsten Jahrzehnts des 1949 gegründeten Verteidigungsbündnisses. Gleich zu Beginn stand Putins dreiste Annektion der Krim 2014.
Es folgte der überstürzte Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan und schließlich Russlands Überfall auf die Ukraine. Von dessen konkreten Angriffsplan erführ Stoltenberg aus Geheimdiensterkenntnissen bereits im Oktober 2021. Und er macht keinen Hehl aus der Annahme, dass man Putin eventuell von seiner „Spezialoperation“ hätte abhalten können, wenn die NATO-Staaten der Ukraine ab 2014 hinreichend Waffen geliefert hätten.
Eingangs schildert Stoltenberg übrigens sein politisches Vorleben als Spross einer sehr politischen und sozialdemokratisch überzeugten Familie, der in Jugendjahren sogar gegen die NATO und die Vietnam-Politik der USA demonstriert hat. Wie es schließlich US-Präsident Barrack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel waren, die 2013 „einen Plan schmiedeten“, um ihn auf den Posten des Generalsekretärs zu hieven.
Sein Verhältnis zu Merkel war im Übrigen fast durchgehend sehr gut und doch schreibt er in aller Offenheit Passagen, die für die Langzeitkanzlerin alles andere als positiv sind. So habe sie sich keine Illusionen über Putin gemacht, der im Grunde das Ergebnis des Katen Krieges nie akzeptiert habe und Russland wieder zu einer strategischen Großmacht aufbauen wollte.
Um so mehr muss man sich im Nachhinein über die politisch doch sehr naive (und verantwortungslose?!) Fortführung ihrer Russland-Politik spätestens seit dem Griff nach Krim und Donbass wundern. Stoltenberg spricht im Übrigen auch mehrfach vom kritischen bis aggressiven Verhältnis von US-Präsident Trump gegenüber der Kanzlerin.
Drastisch habe der insbesondere als deutsche Regierungschefin zur Steigerung des Verteidigungsbeitrags zur NATO auf die vereinbarten 2 % aufgefordert. Und diese ja berechtigte Forderung mit dem galligen Hinweis unterstrichen: „Sie haben diese Pipeline nach Russland (Nordstream) gebaut, sie bezahlen die Person, vor der wir sie beschützen sollen. Man sich nicht auf sie verlassen.“
Mit Trump erlebte der Generalsekretär aber auch eine seiner schwierigsten Phasen wegen dessen zeitweiligen (und offenbar bis heute nicht ausgestandenen) Bestrebens, die NATO zu verlassen: „Die Koffer waren bereits gepackt.“ Stoltenberg fürchtete tatsächlich ein Auseinanderbrechen der Allianz noch während seiner Amtszeit.
Natürlich sorgte der Ulraine-Krieg für die intensivsten Sorgen und Aktivitäten, andererseits lesen sich die vielen Schilderungen von Begegnungen und Gespräche auf höchster Ebene nicht nur höchst spannend. Manches konnte man bisher nur ahnen, so die extrem schwierigen Verhandlungen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan wegen des Beitritts Finnlands und Schwedens zur NATO.
Deren Gelingen für den exzellenten und offenbar psychologisch geschickten Verhandler Jens Stoltenberg ein besonderer Grund zur Zufriedenheit war: „Es war eine strategische Niederlage für Moskau.“ - Fazit: Weltpolitik aus erster Hand von einem der ganz wichtigen Akteure, so lebendig und mit immer wieder erhellenden Einblicken und für jeden politisch Interessierten ein exzellenter Lesegenuss.


# Jens Stoltenberg: Auf meinem Posten. In Kriegszeiten an der Spitze der NATO. Erinnerungen (aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg); 528 Seiten, div. Abb.; Siedler Verlag, München; € 32


WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)