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SEBASTIAN SMEE: „PARIS IM AUFRUHR“
„Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus“ lautet der Untertitel des erzählenden Sachbuchs, das der australische Kunstkritiker und Pulitzer-Preisträger (2011) Sebastian Smee verfasst hat. Kunstfreunden sei jedoch gesagt, dass sich das exzellent recherchierte Werk aber vor allem dem historischen Geschehen rund um diese Zeit widmet.
So lautet der Haupttitel richtigerweise „Paris im Aufruhr“, denn der angesprochene Krieg war der von 1870/71, der für die französische Hauptstadt zum sogenannten „Schrecklichen Jahr“ führte. Eingangs stellt der Autor allerdings den Maler Edouard Manet (1832-1883) sowie mit Berthe Marisot (1841-1895) eine der wenigen namhaften weiblichen Künstler samt deren kulturellem Umfeld vor.
Napoleon III. hat Frankreich zum Kaiserreich gemacht und insbesondere Paris zu einem pompösen Aufstieg verholfen. In der Bevölkerung brodeln gleichwohl unterschwellig soziale und politische Spannungen und insbesondere Teile der Kunstwelt stehen auf der kritischen Seite. Unter ihnen eben auch Maler mit modernen Ansätzen, aus denen später der Impressionismus hervorgeht.
Die Beziehung von Manet zu Morisot, die sich als eine der wenigen Frauen dezidiert als Künstlerin betätigt und durchzusetzen versucht, wird hier als Kollegin, Modell und Geliebte Manets dargestellt. Wobei die Liebesgeschichte nicht bewiesen ist, zumal Manet verheiratet war. Immerhin wurde die Malerin später jedoch die Ehefrau von Manets jüngerem Bruder Eugéne.
Den breiten Raum der Ausführungen aber nehmen kriegerische Ereignisse ein. Kaiser Napoleon hatte sich im Sommer 1870 von Otto von Bismarck zur Kriegserklärung gegenüber Preußen provozieren lassen. Ein völlig unsinniges Unterfangen, denn Frankreich war nicht auf einen Krieg vorbereitet und sein Militär nicht auf dem neuesten Stand.
Im Gegensatz zu Preußen, das im Übrigen entgegen den französischen Erwartungen auch noch die militärische Unterstützung der anderen deutschen Staaten erhielt. So kam es im Herbst zur Niederlage, dem Ende des Second Empire und der Belagerung von Paris. Für eine Beendigung des Krieges stellte sich jedoch ein fatales Hindernis in den Weg: die preußischen Verantwortlichen wussten nicht, mit wem sie einen Frieden aushandeln sollte, da in der Hauptstadt statt irgendeiner neuen Regierung politisches Chaos herrschte.
Einerseits hatten politische Kräfte die 3. Republik ausgerufen, andererseits übernahmen jedoch linke Kräfte, die sogenannte „Commune“, die Macht. Offener Aufruhr brach aus, von außerhalb schossen Regierungstruppen in die Stadt, während innerhalb ein regelrechter Bürgerkrieg tobte.
Manet, Morisot sowie der Kollege Edgar Degas waren die einzigen der künftigen Impressionisten, die noch in der Stadt verbleiben waren. Andere wie Renoir, Monet und Pissarro waren geflohen. Die drei Gebliebenen aber erlebten die volle Härte des revolutionären Ringens.
Das in der sogenannten Blutwoche mit zehntausenden Toten, willkürlichen Exekutionen und Massakern an den Kommunarden endete. Ganze Teile von Paris fielen dem Wüten zum Opfer, wo unter anderen der Tuilerien-Palast, der Louvre, das Hôtel de Ville und das Palais Royal in Flammen standen.
Nur langsam erholten sich Hauptstadt und Land von diesem Krieg, die Kunst jedoch entwickelte sich weiter und die Gruppe der Abtrünnigen, die „Sezessionisten“, feierten schließlich mit einer großen Gruppenausstellung am 15. April 1874 das, was als die Geburtsstunde des Impressionismus gilt. In der im Übrigen Berthe Morisot als erste Frau mitwirkte in Gesellschaft solcher Künstler wie Renoir, Degas, Pissarro, Sisley und Cezanne.
Geprägt von den gesellschaftlichen Umbrüchen des „Schrecklichen Jahres“, setzten sie neu Maßstäbe in der Kunst. Wobei Sebastian Smee den Rahmen der Ausführungen nach den präzisen politikwissenschaftlichen Schilderungen schließt. Wie wenig die Künstler dabei nur eine kulturelle Randerscheinung waren, sich vielmehr selbst mit einbrachten, das liest sich hier höchst lebendig und mitreißend. Allerdings eben mit dem Hauptgewicht auf den historischen Vorgängen und Entwicklungen.


# Sebastian Smee: Paris im Aufruhr. Liebe, Krieg und die Geburt des Impressionismus (aus dem Englischen von Stephan Gebauer); 494 Seiten, div. Abb.; Insel Verlag, Berlin;

€ 30

WOLFGANG A. NIEMANN (wan/JULIUS)